Der gefährliche Schwarzmarkt am Rande der Bombonera

In den Straßen von La Boca

Vor der Bombonera gibt es Drogen, Waffen und natürlich gefälschte Tickets für die Boca Juniors. Für viele Anwohner ist das Geschäft überlebenswichtig. Ein Filmemacher hat über sie eine Doku gedreht.

Matteo Gariglio

La Boca, ein über 100 Jahre altes Immigrantenquartier, liegt an der Mündung des Riachuelo-Flusses in den Rio de la Plata. Kein schönes Gewässer, eher eine braune Brühe, als würde sich La Boca, der Mund, jeden Abend an der Kaimauer übergeben. Ein paar hundert Meter weiter nördlich grenzt San Telmo an, hoch im Kurs bei Touristen, Studenten und Menschen, die in Bars gehen, die »Café La Poesia« heißen. La Boca ist der laute Nachbar. Künstler- und Tangoviertel mit bunten Wellblechhäusern für die einen, Armenviertel für die meisten. Die Kriminalitätsrate steigt jährlich an, einige Touristenführer schreiben schon von einer No-go-Area, zumindest sollte man die Nebenstraßen meiden. Wenn man die herausgeputzte Fußgängerzone Caminito verlässt, geht es vorbei an Brachland, Sozialbauten und Häusern, die aussehen, als würden sie schon bei Nieselregen auseinanderfallen. La Boca ist alles auf einmal: Traum, Albtraum, Paradies, Hölle, Anfang, Ende.

Hier beginnt die Geschichte der Familie Molina. Und hier beginnt auch die Geschichte von Matteo Gariglio. 

2013 ist der Schweizer Dokumentarfilmer in Buenos Aires. Eines Tages macht er sich, trotz der Warnungen, mit seiner Kamera auf nach La Boca. Und schon nach kurzer Zeit werden ihm Karten für ein Spiel der Boca Juniors angeboten. Dazu muss man wissen, dass der Verein eigentlich eine Members-only-Politik hat. Das heißt: Ins Stadion kommen nur Zuschauer mit Jahreskarten, die von Generation zu Generation weitervererbt werden. Wer als Auswärtiger ein Einzelticket für ein bestimmtes Spiel kaufen möchte, kann nur eine Touristen-Tour buchen, die oft über 200 Dollar kostet und einer Kaffeefahrt gleicht.



Vor der Bombonera floriert daher ein Schwarzmarkt, an dem alle mitverdienen: Polizei, Security, Anwohner und vor allem die berüchtigten Barra Bravas. Von ihnen und ihren Laufjungen bekommt man Jahrestickets, die nicht benötigt werden. Man bekommt aber auch gefälschte Karten, mit denen man gar nicht erst nicht ins Stadion gelangt.

Matteo Gariglio lernt hier die Familie Molina kennen, die, wie so viele am Rande der Bombonera, in ärmlichen Verhältnissen lebt und sich mit dem illegalen Ticketverkauf über Wasser hält. Da ist der Vater Gabriel, den sie Chileno nennen, weil er vor über 30 Jahren aus Chile nach La Boca kam. Warum? »Por ser tonto«, aus Dummheit. Die Mutter, Estela, geht aus Angst seit vielen Jahren nicht mehr aus dem Haus. Sie hockt in der Küche auf einem Sessel, schaut Fernsehen und wartet, dass die Männer unversehrt heim kommen. Dann ist da der Sohn, Matias. Ein guter Junge, sagen sie im Viertel. Aber er nimmt Drogen und ist ein Hitzkopf. Er zieht die Touristen mit gefälschten Tickets über den Tisch.

Sie leben für die Boca Juniors, aber vor allem von ihnen. Sie träumen von einem kleinen Stück Land außerhalb von Buenos Aires, weit weg von La Boca, weit weg von der Gewalt. Aber eines Tages werden die schlimmsten Albträume der Mutter wahr: Matias kommt nicht nach Hause.

Matteo Gariglio hat die Familie über fünf Jahre mit der Kamera begleitet. Die Reportage »In den Straßen von La Boca« lest ihr in der aktuellen 11FREUNDE #197. Der Film »En La Boca« läuft heute um 19.30 Uhr beim 11mm-Festival im Berliner Babylon-Kino. Außerdem kann man sich den Film hier anschauen: vod.enlaboca.ch