Der FSV Mainz 05 in der Zweiten Liga

Ein Tor zu wenig

Als »Aufsteiger der Herzen« waren die Mainzer bei der Rückkehr aus Berlin von 20 000 Fans auf dem Platz vor dem Theater trotzdem begrüßt worden. Und auch in der neuen Saison sollte der Klub am letzten Spieltag wieder eine Chance auf den Aufstieg haben. Die Konstellation am 25. Mai 2003 zwischen den punktgleichen Dritten und Vierten, Eintracht Frankfurt und Mainz 05, vor den Spielen gegen die Abstiegskandidaten SSV Reutlingen und Eintracht Braunschweig war klar: Klopps Mannschaft musste siegen und ein Tor mehr schießen als der große Nachbar.

Nach einer Stunde sah es so aus, als müsste das sicher gelingen, denn durch vier Tore von Benjamin Auer führte Mainz 05 in Braunschweig mit 4:0. Der Ehrentreffer der Eintracht zum 4:1 schien unwichtig, denn zum gleichen Zeitpunkt, zehn Minuten vor Schluss, stand es zwischen Frankfurt und Reutlingen 3:3. Dann schoss Bakary Diakité in der 83. Minute das 4:3 für die Frankfurter und in der 90. Minute das 5:3. Doch selbst damit wäre Mainz in der Bundesliga gewesen.

»In Frankfurt wird noch gespielt!«

In Braunschweig war inzwischen abgepfiffen worden und Jürgen Klopp gleich auf den Platz gelaufen, um mit beschwichtigender Geste verfrühten Jubel zu unterbinden: »In Frankfurt wird noch gespielt!« Sämtliche Spieler bildeten auf dem Rasen des Stadions an der Hamburger Straße einen Kreis und legten sich die Arme über die Schultern, als wollten sie schlechte Nachrichten aus Frankfurt abwehren. Doch es half alles nicht: Im fernen Waldstadion schoss Alexander Schur noch das 6:3 für Eintracht Frankfurt. Der Rest waren Tränen – und Trotz.

Das Bild des völlig entgeistert in Braunschweig auf dem Rasen hockenden Harald Strutz wurde am nächsten Tag in vielen Zeitungen abgedruckt. Dass Christian Heidel als Erster den Schock abgeschüttelt hatte, ging hingegen fast unter. »Viele werden sagen, die Mainzer kommen nicht damit klar, zweimal hintereinander gescheitert zu sein, aber sie werden sich wundern«, sagte der Manager. Und schon am nächsten Tag war das zumindest in Mainz der Grundkonsens. »Letztes Jahr hat ein Punkt gefehlt, dieses Jahr ein Tor, nächstes Jahr Bundesliga«, rief Bürgermeister Jens Beutel, als es am Montag nach dem Drama wieder einen Empfang für die Nicht-Aufsteiger gab. 25.000 Zuschauer waren diesmal gekommen, und längst hatten die verpassten Aufstiege eine größere emotionale Verbindung zwischen Stadt und Verein geschaffen, als wäre der 1997 wirklich schon aufgestiegen.

Die Tränen des Michael Thurk

Als ein Jahr später der Aufstieg wirklich gelang, hatte Mainz 05 nicht nur deutlich weniger Punkte geholt als in den beiden Spielzeiten zuvor, sondern stieg mit der geringsten Punktzahl auf, mit der es jemals ein Zweitligist in die Bundesliga geschafft hat. In Umkehrung der eigenen Traumata profitierte man auch von den schlechten Nerven anderer. Weil Alemannia Aachen in Karlsruhe unterlag, schaffte Mainz es dank eines 3:0-Sieges über Eintracht Trier noch auf den dritten Platz. Nur Stürmer Michael Thurk, der zwei Tore erzielte, saß hinterher heulend vor Trauer in der Kabine, weil er mit diesen Treffern seinen persönlichen Aufstieg verhindert hatte. Der erfolgreichste Torschütze des FSV, das war vorher schon klar gewesen, würde zu Energie Cottbus wechseln.

Noch am Sonntagabend gab es vor dem Theater endlich keine kollektive Trauerarbeit, sondern die lang erwartete Aufstiegsfeier. Jürgen Klopp gab dabei den Fans übermütig für die nächsten Tage zum Feiern frei und kündigte für die anschließende Saison an: »Wir werden Gas geben ohne Ende und alles auf den Kopf stellen.« Man kann wirklich nicht sagen, dass das eine leere Ankündigung war – sowohl im Bezug auf den Klub als auch auf den Trainer.