Der FC Bayern und die Meisterschaft

Jagd auf die große Karotte

Dem FC Bayern ist der Meistertitel diese Saison wichtiger die Champions League. Das behauptet zumindest Matthias Sammer. Blöd nur: Niemand glaubt ihm.

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Beharrlichkeit ist im Fußball ein wichtiger Erfolgsfaktor. Will ein Verein einen großen Transfer tätigen, muss man dem begehrten Spieler gerne mal einige Monate hinterherhecheln, damit er sich letztendlich dazu erbarmt, für einige Millionen die Unterschrift unter den Vertrag zu setzen. Auf dem Spielfeld muss ein Kapitän auch mal viertelstündlich beim Schiedsrichter darauf hinweisen, dass der Gegner hier oder da bevorteilt wurde, damit am Ende Gerechtigkeit herrscht. Dass Beharrlichkeit aber auch in Öffentlichkeitsarbeit enorm wichtig ist, zeigt Matthias Sammer wöchentlich auf eindrucksvolle Weise.

Geradezu mantraartig erzählt der Vorstand für Lizenzspielerangelegenheiten beim FC Bayern in den Interviews vor, nach und zwischen den Spielen, dass der Verein ein einziges großes Saisonziel hat: die vierte Meisterschaft in Folge. Sammer macht das seit August so, bis es auch der letzte im Kopf hat.

Versteckt sich hinter diesen Aussagen ein rhetorisch ausbaufähiger Versuch, die Last des erwarteten Erfolgs von der Mannschaft zu nehmen? Nein, denn bei genauerer Betrachtung der Bayern-Seele wird klar: Die Meisterschaft spielt in München eine größere Rolle, als man denkt.

Schlimmer als das »Finale Dahoam«

Der FC Bayern hat in seiner 116-jährigen Geschichte alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Den Pokal in beständiger Regelmäßigkeit, die Champions League (bzw. den Europapokal der Landesmeister) fünfmal, dazu etliche internationale Cups - und, statistisch gesehen, fast jede zweite Meisterschaft. Wo also ist die Karotte, der man in München hinterherlaufen soll, wenn alle Erfolge bereits gefeiert wurden?

Die »Geibe Ruam«, wie man in Oberbayern sagen würde, ist erstens die Wiederholung des bereits erreichten und, einen Schritt weiter gedacht, die Eintragung in die Geschichtsbücher. Und so erschreckend es für den Rest Fußballdeutschlands klingen mag, aber an der Säbener Straße reichen drei Meisterschaften in Folge nicht für Einzigartigkeit. Inklusive der aktuellen Serie gelang dieses Kunststück dem FC Bayern bereits viermal.

Die Entwicklung von den regelmäßigen Titelgewinnern hin zu den Rekordsuchern begann in München im Jahr 2013. Das Triple war ein Meilenstein in der Vereinsgeschichte, ein Erfolg, mit dem der FC Bayern international (wieder) endgültig in der obersten Liga angekommen war. Was 2013 gerne unter dem Getöse des Robben-Treffers in London unterging, war die Rückeroberung des Bundesliga-Throns, auf dem es sich in den zwei Jahren zuvor Borussia Dortmund bequem gemacht hatte.

In dieser Zeit der Dortmunder Zwischendominanz hatte man in München gelitten. Die Niederlage im »Finale Dahoam« 2012 war eine bittere gewesen, allerdings war sie eine punktuelle Enttäuschung. Wesentlich schwieriger für das Selbstverständnis des Münchner Umfelds war die Einsicht, in Deutschland zwischen August 2010 und Mai 2012 über 68 Spieltage nur die klare Nummer zwei gewesen zu sein.

Noch keine historische Dominanz  

Für die meisten Fußball-Interessierten in Deutschland war der Titelgewinn 2013 eine von 23 mehr oder weniger bedeutsamen Meisterschaften, für Bayern München ein besonderer, einer, der sich, historisch gesehen, mit dem aus dem Jahr 2001 vergleichen lässt, auch wenn er längst nicht so umkämpft war. Meisterschaften gehören in München zu einer Art Routine, sie sind das Fundament des Erfolgs.

Dies erkannte die Führungsetage des FC Bayern nach 2013 und fokussierte sich damals darauf, aus einem einzelnen Erfolg eine Ära zu machen. Die Bundesliga 2014 Ende März und 2015 im April zu gewinnen, war für die Spannung in der Bundesliga nicht optimal, wohl aber für die Münchner Seele. Und trotzdem: Derzeit ist diese, gefühlt noch nie zuvor da gewesene Dominanz, keine historische. Zur Eintragung in die Geschichtsbücher fehlt die Einzigartigkeit, die mit der vierten Meisterschaft in Folge gewonnen werden könnte.