Der Fall des Adrian Mutu

Mutti ist schuld

Adrian Mutu, Florenz' Bester, fehlte gegen Bayern – wegen eines Diätmittels. Mutu, Wohlfarth, Maradona: Schluckten sie unbedacht Pillen, oder ist es verstecktes Doping? Ein Exkurs über Haarwuchsmittel, Haschisch und Haargel. Der Fall des Adrian MutuImago Alles Muttis Schuld. Dass Florenz Bester, Adrian Mutu, am Mittwoch nicht gegen die Bayern spielte: die Schuld trägt Mutti Mutu. Im rumänischen Fernsehen, das bei 11FREUNDE in Dauerschleife läuft, erzählte Radica Mutu, wie es zu der Dopingsperre ihres Sohnes kam: Bei einem Besuch in Florenz habe sie Appetitzügler im Haus liegen lassen.  »Es ist nicht seine Schuld, auf der Schachtel stand, es wäre ein Naturprodukt«, nahm sie dort ihren Sohn in Schutz.

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Doch in dem Medikament war das Amphetamin Sibutramin enthalten, das auf der Dopingliste steht. Dem 31-jährigen Mutu, der 2004 positiv auf Kokain getestet wurde, drohen nun als Wiederholungstäter eine Sperre von bis zu vier Jahren und das Karriereende.

»Sibutramin ist kein klassisches Dopingmittel, aber dennoch ein großes Problem«, sagt Wilhelm Schänzer über den Wirkstoff, der in Italien nach zwei Todesfällen bereits 2002 vom Markt genommen wurde. »Der Stoff findet sich in vielen verunreinigten Nahrungsergänzungsmitteln, vor allem Tees aus China, ohne dass er deklariert ist.«

Dummheit oder kaschiertes Doping?

Der Fall Mutu erinnert an den ehemaligen Bundesliga-Torschützenkönig Roland Wohlfarth, den ersten Dopingsünder der Bundesliga, der 1995 den Appetitzügler Recatol/N nahm und positiv auf Ephedrin getestet wurde. Oder an Diego Maradona, bei dem, wie Mutu vorbelastet durch eine Kokainsperre, während der WM 1994 ebenfalls Ephedrin festgestellt wurde. Später beteuerte Maradona, sein Privattrainer habe ihm das Sportgetränk Rip Fuel gegeben, worin das Ephedrin enthalten gewesen sei.

Doch warum nehmen hochbezahlte Profis, die doch sonst in allen Bereichen rund um die Uhr betreut werden, immer wieder Präparate wie Appetitzügler oder Haarwuchsmittel? Ist es Ahnungslosigkeit? Oder kann man damit etwa Doping kaschieren? Im Nachhinein sei es schwierig festzustellen, ob ein Sportler ein Medikament aus Versehen oder zur Leistungssteigerung eingenommen hat, sagt Doping-Experte Schänzer. »Deshalb hat man die Hürden für Athleten hoch gesetzt.« Fußballer müssen schriftliche Erklärungen einreichen, wenn Sie Medizin nehmen müssen, die auf der Dopingliste steht. »Teilweise sind sie aber auch schlecht beraten von ihren Ärzten.«

So wie der ehemalige Nationalspieler Marko Rehmer, dem sein HNO-Arzt 2004 einen Entzündungshemmer gegen eine Kieferverletzung gab, den er hätte deklarieren müssen. Tat er nicht, der DFB sperrte ihn für neun Spiele, Rehmer musste 320 000 Euro Strafe zahlen. Heute will er nicht mehr darüber sprechen.

Haargel und Haschisch

Im Fall Mutu könnte es jedenfalls Dummheit gewesen sein. Präsident des AC Florenz nannte Mutu »naiv«, der Sportdirektor »ein 31-jähriges Kind« und sein Nationalmannschaftskollege Cristian Chivu sagte einer rumänischen Zeitschrift: »Mutu ist immer besessen von seiner schlanken Linie gewesen, hat Abführmittel genommen, diesmal wahrscheinlich das falsche«, berichtete der Inter-Abwehrspieler. Dass nicht alle Spieler so scheinbar sorglos sind, zeigte Chivus Zusatz: »Ich zeige dem Arzt sogar den Beipackzettel meines Haargels.«

Roland Wohlfarth, der Zeit seiner Karriere mit seinem Gewicht zu kämpfen hatte und heute knapp 100 Kilo wiegt, sieht sich mit seiner zweimonatigen Dopingsperre immer noch zu hart verurteilt: »Ich habe es auf die Rübe gekriegt, der DFB hat knallhart zugeschlagen und an mir ein Exempel statuiert«, sagte er letzten Sommer in einem Interview mit der Münchner Abendzeitung. »Ich wollte nur mit einem Appetitzügler gegen das ständige Übergewicht angehen - deswegen bin ich nicht schneller gelaufen. Ich dachte immer: Was ich kaufen kann, darf nicht verboten sein.«

Das dachte auch der fast kahle Serbe Nemanja Vucicevic, als er 2005 ohne Absprache mit seinem Verein 1860 München ein Haarwuchsmittel. Der Wirkstoff Finasterid stand auf dem DFB-Index, weil er zum Verschleiern von Doping genutzt werden kann. Vucicevic wurde sechs Monate gesperrt. 2009 änderte der Verband seine Meinung wieder und nahm das Mittel wieder von der Liste.

Dass nicht alles zwingend leistungsfördernd, was auf der Dopingliste steht, zeigt auch ein anderes Beispiel. »Bei Haschisch kann man darüber streiten«, sagt Doping-Analytiker Schänzer. Von der weichen Droge, die 2000 dem Gladbacher Quido Lanzaat und dem Dortmunder Ibrahim Tanko monatelange Sperren einbrachte, ist bislang nur in Extremsportarten bekannt, dass sie wirklich gezielt vor Wettkämpfen eingesetzt wird: um die Angst zu nehmen. »Aber hier geht es auch um die Gleichbehandlung von verschiedenen Sportlern und ihre Vorbildfunktion«, sagt Schänzer. Gleichzeitig steht aber nicht alles auf der Dopingliste, was Spielern verabreicht wird: Kreatin zum Muskelaufbau und zahlreiche Schmerzmittel sind gang und gäbe.

22 Spieler nicht unter Kontrolle zu halten

An großflächiges Doping im deutschen Fußball glaubt der Chef des Biochemischen Instituts an der Sporthochschule Köln jedoch nicht. Etwa 1000 Kontrollen gibt es jährlich im deutschen Fußball, »und die Daten zeigen, dass hier kein ausuferndes Problem besteht.« Dass war jedoch nicht immer so. 1987 beschrieb Toni Schumacher in seinem Buch »Anpfiff«, wie in der Bundesliga im großen Stil das Amphetamin Captagon genommen wurde. »Das war nicht an den Haaren herbeigezogen«, räumt Schänzer ein. 1988 wurden die Dopingproben eingeführt, zwei Spieler werden nach jedem Spiel ausgelost und getestet, zudem gibt es etwa 2000 Trainingskontrollen. Mehr gehe kaum. »Das ist ein logistisches Problem: Man kann kaum alle Spieler nach einer Partie unter Kontrolle halten.«

In Italien hingegen glaubt man eher, ein Dopingproblem zu haben. Dort werden etwa 5000 bis 6000 Kontrollen im Jahr durchgeführt. Eine davon bei Adrian Mutu, kurz nach dem Besuch von Mutti. 

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