Der ewige Frank Lampard

Gebäude ohne Fundament

An der Stamford Bridge spielt Frank Lampard seit 2001, also zwei Jahre bevor Roman Abramowitsch und das große Geld zum FC Chelsea kamen. Er blieb die Symbolfigur der »Blues«, wurde ein Vertrauter des russischen Milliardärs und erlebte bis dato über 70 Neuzugänge und fast ein Dutzend Trainer-Experimente des Oligarchen. Lampard erzielte in den Spielzeiten 2006 bis 2010 jeweils mindestens 20 Pflichtspiel-Tore und legitimierte so seinen Ruf als torgefährlichster Mittelfeldspieler Europas. Er trotzte fleißig wie verlässlich der teuren Konkurrenz, nahm bereitwillig neue Spielideen an und blieb über zehn Jahre unangefochten Stammspieler. Bis Trainer-Wunderknabe André Villas-Boas im Juli 2011 kam und Lampard im Zuge der Bauarbeiten am »neuen Chelsea« in die zweite Reihe stellte. Ihn, der als Mittelfeldspieler den Klubrekord für die meisten Tore hält. Ihn, der den organisierten und wuchtigen Chelsea-Stil des 21. Jahrhunderts verkörpert. Nun überschlugen sich »Mirror«, »Guardian« und Co. plötzlich mit Schlagzeilen, wenn  Lampard im Training das Leibchen der Ersatzspieler trug.

André Villas-Boas musste einsehen, dass nicht beim Fundament begonnen werden sollte, wenn man ein Gebäude umbauen möchte: Im Februar 2012 verlor Chelsea, in der Liga mittlerweile 20 Punkte hinter Manchester City, das Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales in Neapel mit 1:3. Ohne Lampard. Das Rückspiel erlebte Villas-Boas nur noch als Zuschauer.

Sein Nachfolger Roberto Di Matteo hätte im Mittelfeld gleichwohl lieber auf andere gesetzt, wollte sich dem medialen Zwist infolge einer neuerlichen Degradierung von Chelseas Nummer 8 aber wohl gar nicht erst aussetzen. Lampard spielte wieder und bereitete die Tore von Drogba und Ramires im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona mit fulminanten Pässen vor. Im einseitigen »Finale dahoam« erwischte Lampard – wie die meisten seiner Kollegen – nicht seinen auffälligsten Abend. Der Ausgang des Spiels ist aber bekannt.

»Club 100« – Lampard in einem Atemzug mit Shilton und Charlton

Als der Verein in der darauffolgenden Saison als Titelverteidiger bereits in der Champions-League-Gruppenphase zu scheitern drohte, wurde Di Matteo im November 2012 vor die Tür gesetzt. Der Verein präsentierte am gleichen Tag Rafael Benítez. So richtig warm wurde auch der Spanier nicht mit Lampard, der die fehlende Nähe und den harten Umgang des Trainers anprangerte. Im vergangenen Sommer war das Chelsea-Fossil Lampard so plötzlich wieder von Interesse für andere Klubs. Angeblich liebäugelten Juventus Turin und Paris St-Germain mit einer Verpflichtung. Doch Lampard wiederholte gebetsmühlenartig, er liebe Chelsea. Kurz darauf kam José Mourinho zurück an die Bridge. Laut Lampard der beste Trainer, den er je erlebt habe. Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit: Mourinho ist ein erklärter Lampard-Verehrer.

Für einen Mann, dessen Karriere öfter totgeschrieben wurde, als die meisten seiner Kritiker Stadionbesuche aufzuweisen haben, hat es Frank Lampard weit gebracht. Man wird ihn künftig in einem Atemzug mit Peter Shilton, Sir Bobby Charlton und Billy Wright nennen. Denn nachdem Lampard in drei Jahrzehnten für sein Land aufgelaufen ist, fand er gestern Abend in der Ukraine Aufnahme in den »Club 100«. Es war ein fürchterliches Qualifikations-Spiel, arm an Chancen, arm an Fußball: Tor- und trostlos. Trotzdem wurde klar, dass die Garde der potentiellen Lampard-Erben um Jack Wilshere oder Tom Cleverley nicht über die Aura des Originals verfügt. Henry James Redknapp dürfte auf der heimischen Couch gelächelt haben – sicher nicht aufgrund des uninspirierten Auftritt Englands, wahrscheinlich aber wegen seines Neffen und Jubilars Frank. Vielleicht fiel sogar der Satz: »He has gone right to the very top«.