Der erste Türke im deutschen Fußball

Bombaci!

Anfang der zwanziger Jahre ging der Galatasaray-Stürmer Bekir Refet als erster türkischer Fußballspieler nach Deutschland. Heute ist er nahezu vergessen.

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Pforzheim glänzt, und darauf sind die Einwohner mächtig stolz. An einem Donnerstagnachmittag Ende März steht ein Touristenführer am Bahnhof und erklärt, dass heute noch über 80 Prozent des aus Deutschland exportierten Schmucks aus Pforzheim kommen. In der Einkaufspassage verteilt ein Mann Prospekte, in denen man erfährt, dass Pforzheim den Beinamen »Goldstadt« trägt. Und im Restaurant fragt die Kellnerin, ob man denn schon eine Uhr gekauft habe.
 
Nein, an Uhren hätte man kein Interesse. Man sei wegen Fußball hier.
 
»Wegen Fußball?«, fragt die Frau und ihr halbes Gesicht verzieht sich zu einem Fragezeichen.
 
Aber eigentlich hat sie ja Recht. Wer großen Fußball in Pforzheim sucht, verkauft vermutlich auch Schnee am Nordkap. Oder er ist auf dem Weg nach Karlsruhe zu früh aus der Bahn gestiegen. Was gibt es hier schon? Der 1. FC Pforzheim spielte in den sechziger Jahren mal zweitklassig. Markus Gisdol oder Jürgen Klopp schnürten hier einst ihre Fußballschuhe. Aber sonst? Der 1. Club für Rasenspiele Pforzheim kickt aktuell in der Oberliga Baden-Württemberg.
 
»Wegen Fußball also?«, wiederholt die Dame und wünscht Glück. Wenn man doch noch Interesse an einer neuen Uhr habe, wüsste sie ein paar gute Läden.
 
Freitagmorgen, Stadtarchiv Pforzheim. Harald Katz und Gernot Otto empfangen in einem kleinen Bürozimmer unterm Dach. Herr Katz ist Mitarbeiter des Archivs, Herr Otto ein ehemaliger Redakteur des »Pforzheimer Kurier«.
 
Wegen Fußball also?
 
Genaugenommen sind wir hier, weil wir für die neue Ausgabe von 11FREUNDE (ab heute im Handel) eine Geschichte über den ehemaligen Barcelona-Verteidiger Emil Walter aus Pforzheim recherchieren.
 
Herr Katz breitet Bilder auf seinem Schreibtisch aus, Otto hat alte Zeitungsausschnitte mitgebracht, Nachrufe, Spielberichte, biographische Notizen, Flyer einer Ausstellung. Emil Walter war ein Kaufmann, der Anfang der zwanziger Jahre nach Spanien auswanderte und über 600 Spiele für Barca machte. In der deutschen Fußballgeschichtsschreibung ist er trotzdem nahezu vergessen. Selbst in Pforzheim kennt ihn kaum jemand.

Coskun Tas war nicht der erste Türke im deutschen Fußball
 
»Seltsam«, findet das auch Herr Otto. Der Pforzheimer sei ja an sich nicht bescheiden, Schmuck, Uhren, die pittoreske Altstadt. Das ist ja alles schön und vorzeigbar.
 
Liegt es dann daran, dass Pforzheim keine Fußballstadt ist?
 
»Vielleicht«, sagt Herr Otto. Allerdings findet man auch hier allerhand tolle Fußballgeschichten, wenn man nur ein bisschen tiefer gräbt. Die Geschichten der Nationalspieler Arthur Hiller oder Marius Hiller. Herr Otto hat über diese und andere Pforzheimer Legenden wunderbare Texte geschrieben. »Und wussten Sie, dass der erste türkische Fußballer in Deutschland Mitte der Zwanziger auch in Pforzheim spielte?«, fragt Herr Otto.
 
Er legt ein weiteres Bild auf den Tisch. Es zeigt einen Mann Mitte 20 im Fußballtrikot. Wache Augen, sanfter Blick. Der Schnürkragen ist nach oben geklappt, die dunklen Haare mit Pomade nach hinten gekämmt. »Das«, sagt Herr Otto und klopft aufs Bild. »Das ist Bekir Refet.«
 
Wenn in der Presse über die ersten Türken im deutschen Fußball berichtet wird, geht es meistens um Spieler wie Coskun Tas oder Özcan Arkoc. Tas wechselte 1959 von Besiktas zum 1. FC Köln und beendete 1962 seine Karriere beim Bonner FV. Arkoc war von 1967 bis 1975 beim HSV aktiv, in der Saison 1977/78 war er Trainer der Hamburger. Aber Bekir Refet?