Der BVB und die neue Harmonie

Die sich lieb haben

Zu später Stunde, als der kühle Wind Servietten über die leeren Tribünen jagte, war  menschliche Wärme zu spüren. Die Lehre der Bundestrainer hat bei Borussia Dortmund neue Jünger gefunden. Der BVB und die neue Harmonieimago images
Es ist die Lehre der Harmonie. Die ist wichtig. Deshalb hatte schon Sepp Herberger bei der WM 1954 gefordert: »Elf Freunde müsst ihr sein.« Nicht so legendär, dafür aber inhaltlich ähnlich das Berti-Vogts-Mantra bei der EM 1996: »Die Mannschaft ist der Star.« Soll heißen: Keiner ist mehr wert als der andere. Und: Erfolg ist ein Gemeinschaftsprodukt.

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Nun hatte das Dortmunder Kollektiv in zwei Besorgnis erregenden Spielen gegen Udine (0:2) und Hoffenheim (1:4) aufgehört zu funktionieren, was dem als neu ausgerufenen BVB den ersten Gegenwind der Trainer-Ära Jürgen Klopp bescherte. Umso wichtiger, fanden nun alle Beteiligten, war der 2:1-Sieg in der zweiten Runde des DFB-Pokals gegen Hertha BSC Berlin. Im Sinne des sportlichen Erfolgs, logo, für die Vereinskasse, klar, aber auch für die nötige Ruhe im Umfeld des Vereins.

Diese hatte man in den vergangenen Tagen nach den ersten Nackenschlägen der Saison schmerzlich vermisst und man nahm die Wiederauferstehung im Pokal, der keinesfalls der sportliche Exitus voranging, zum Anlass, näher zusammenzurücken. Das gemeinsame Ziel, nämlich den atmosphärischen Frieden im und um den Klub, im Blick.

Gleichgültig, wer da aus der Kabine schlenderte, er trug eine kleine Liebeserklärung an seine Sportskameraden vor. Der scheue Marcel Schmelzer richtete öffentlich ein »Kompliment an die Mannschaft« aus, Florian Kringe freute sich zwar, dass man »defensiv gut gestanden« hatte, viel wichtiger aber sei gewesen, »dass einer für den anderen gelaufen« sei und dass ein »Team auf dem Platz« gestanden habe: »So gewinnt man Spiele.« Und auch der fahrige Neven Subotic lobte die psychotherapeutischen Erste-Hilfe-Maßnahmen seiner Kollegen: »Die Mannschaft hat mir super geholfen.«

Damit war im speziellen eine Situation gemeint: Eben erst hatte der Verteidiger mit einem Fehler den Berliner Ausgleich ermöglicht (»Ich verschätze mich und seh' halt aus wie ein Idiot«), da unterlief ihm der nächste Fauxpas, der nur mit Glück ohne Schaden blieb. Oliver Kahn hätte ihn wohl derart durchgeschüttelt, dass Subotic auf ewig ein Schleudertrauma geblieben wäre. Doch Torwart Roman Weidenfeller eilte zum Unglücksraben, klopfte ihm auf die Schulter, Kapitän Sebastian Kehl und Stürmer Nelson Valdez kamen von weit vorne angetrabt, um aus nächster Nähe aufmunternden Applaus zu spenden. »Die Mannschaft hat toll reagiert«, freute sich Klopp: »Wenn alles gut ist, ist es leicht, sich zu verstehen. Aber in der Situation…

»Wenn alles gut ist, ist es leicht, sich zu verstehen«


Es waren Szenen wie diese, die Jürgen Klopp zu seiner Einschätzung des Spiels kommen ließen: »Mit dem Ergebnis bin ich hochzufrieden.« Pause. »Mit dem Spiel auch.« Nun ist Klopp nicht parteiisch genug, um einen spielerisch begeisternden Auftritt seiner Mannschaft gesehen zu haben. Doch die Art, wie seine Elf die Vorgabe annahm, sich »nicht fußballerisch messen« zu wollen mit den Berlinern, sondern stattdessen »unglaublichen Einsatz« an den Tag zu legen, imponierte ihm: »Ich habe heute viele sehr leidenschaftlich kämpfende Spieler gesehen. Und das ist super wichtig im Fußball.«

Da ist es wieder, das neue schwarzgelbe »Einer für alle, alle für Einen«-Syndrom, das Bestand haben soll, schließlich werde man Stuttgart am Samstag nicht austanzen und »aus dem Stadion schießen«. Doch egal wie das Spiel endet, Florian Kringe bat pro forma um etwas mehr Realismus in Dortmund. »Man darf jetzt nicht alles in den Himmel loben. Aber man darf auch nicht nach der nächsten Niederlage wieder die Oberkrise heraufbeschwören.«