Der Begründer des brasilianischen Grenal-Derbys

Edgar, der Hamburger

Einer der ersten brasilianischen Fußballstars war ein Deutscher. Seine Tore begründeten eines der berühmtesten Derbys der Welt.

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18. Juli 1909, 15.20 Uhr. Es ist heiß an diesem Sonntagnachmittag in Porto Alegre, der Stadt tief im Süden Brasiliens. Im Stadion Baixada do Moinhos de Vento stehen sich die Mannschaften von Grêmio und Internacional gegenüber, 2000 Zuschauer warten auf den Anpfiff. Anstoß hat Grêmio und den übernimmt selbstverständlich Edgar Booth. Der gebürtige Hamburger ist Stürmer, Kapitän und der unbestrittene Star seines Teams. Doch weder er noch die anderen 21 Spieler auf dem Platz ahnen, dass sie an diesem Tag Geschichte schreiben werden. Dieses Spiel wird das heißeste Lokalderby Brasiliens begründen, bis heute eines der brisantesten der Welt. Und es wird Edgar Booth zur Legende machen.

Ihre Klubs heißen »Frisch Auf« oder »Blitz«

Dabei hat sich Grêmio nur widerwillig auf die Partie eingelassen. Der Verein ist der Platzhirsch der Stadt, in der seit einigen Jahren, wie in ganz Brasilien, ein Fußballboom ausgebrochen ist. Doch wie im übrigen Land versucht auch in Porto Alegre die gesellschaftliche Elite das Spiel unter ihrer Kontrolle zu behalten. In der Pionierzeit ist Fußball hier ein glanzvolles Ereignis der Oberschicht und in Porto Alegre alles noch ein klein wenig exklusiver. Die Vereine stehen ausschließlich Nachkommen der deutschen Einwanderer offen, die diesen Teil des Landes kolonialisiert und auf den endlosen Feldern ihre großen Rinderfarmen hochgezogen haben. Ihre Klubs in Porto Alegre tragen Namen wie »Frisch Auf« oder gar »Blitz«, die Spieler heißen Dietz, Schröder oder Tannhauser.

Doch die Brüder Henrique, José und Luis Poppe wollen das nicht einsehen. Sie sind aus São Paulo nach Porto Alegre gekommen und wollen vor allem Fußball spielen. Schnell finden sich unter den anderen frustrierten Kickern der Stadt genügend, um eine Mannschaft zu gründen. Der Name des Teams lautet passenderweise Internacional, und am liebsten soll es gleich gegen die Besten gehen, die Elf von Grêmio. Mehrmals hat der Verein den Pokal der Stadt gewonnen, wenn dazu auch meist ein einziger Sieg gegen Frisch Auf reichte. Grêmios Präsident August Koch lehnt die Herausforderung durch Internacional zunächst ab und will höchstens die zweite Mannschaft antreten lassen, doch die Poppes empfinden dies als Affront und bleiben hartnäckig, bis Koch schließlich einlenkt.

Edgar Booth, geboren 1888 in Hamburg

Vielleicht haben die Brüder ihre Sturheit bereut. Denn als sie mit ihren Mitspielern zwei Tage vor dem Match beim Training des Gegners zusahen, soll ihnen die Ehrfurcht deutlich anzumerken gewesen sein, wie der berühmte Sportreporter Edison Pires schreibt. Vor allem ein Mann ist es, der ihnen Sorgen macht: Edgar Booth. Erst in jenem Jahr ist der damals 21-Jährige zur Mannschaft gestoßen, doch schon ist er ihr Star und Kapitän. Dieser eigentlich stille Typ ist anders als die anderen: schneller, wendiger, robuster – besser in allen Belangen.

Geboren wurde Edgar Booth 1888 in Hamburg. Dort hat sein Vater Charles Edward, ein ehemaliger englischer Marineoffizier, die Deutsche Adelina kennengelernt und geheiratet. Die deutsche Staatsangehörigkeit behält Booth auch, als die Familie 1889 nach Brasilien zieht. In Porto Alegre eröffnet Charles Edward eine Ziegelbrennerei und lässt sich von seinen Leuten gern »Comandante« nennen. Anders als viele brasilianische Fußballer nach ihm wählt sein Sohn Edgar indes nie einen Künstlernamen. Zum Liebling der Fußballfans in Porto Alegre wird er auch so. Außer bei denen von Internacional.