Der 1. FC Nürnberg und der Konjunktiv

Hätte, wenn und aber

Nürnbergs Coach Michael Oenning vermag genau zu formulieren. Sogar den komplizierten Konjunktiv beherrscht er – eine Zumutung für weite Teile des Boulevard-Journalismus, wie der feingeistige Trainer nun erleben musste. Der 1. FC Nürnberg und der KonjunktivImago »Oenning und der Konjunktiv« - so titelt der »Kicker« und ergänzt: »Der Konjunktiv als Spiegelbild einer bislang verkorksten Saison«.

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Wenn Fußballer oder Verantwortliche etwas mehr in ihrer Vita haben, als ab dem vierten Lebensjahr wie besessen gegen den Ball getreten zu haben, dann gelten sie im Fußballer-Milieu (inkl. den einschlägigen Medien) grundsätzlich als suspekt.

Lebensweisheiten wie »Die Wahrheit liegt auf’m Platz!«, »Werden fighten bis zum Umfallen!« oder »Aber zu Hause mit unseren tollen Fans im Rücken sind wir eine Macht!« sollten auch heute noch die meisten Probleme erklären und lösen. Zu viel Detail- und Taktikgefuddel verwirrt nur die meisten, vor allem die Medien.

Das durfte einst Ralf Rangnick (übrigens Trainer des aktuellen Spitzenreiters der Bundesliga) schon erfahren, als er 1998 »im Aktuellen Sportstudio«, statt die üblichen Stereotypen zu bemühen von Teamgeist und dem üblichen Gefasel vom »Lauf seiner Mannschaft« - den Fußballvolk an der Mattscheibe die damals noch (in Deutschland) revolutionäre Viererkette und deren taktische Vorzüge erklären wollte. Ralf Ragnick trug von diesem Tag an den Beinamen »Professor« und was im echten Leben vielleicht gewisse Anerkennung verdienen würde, gilt »am Platz« als vorsichtig formuliert wenig schmeichelhaft.

Kurzum: Kluge Sätze und intelligente, nüchtern-sachliche Spielanalysen sind im Fußball-Geschäft ungefähr so beliebt wie die Übertragung von Synchronschwimmen als Ersatzsendung für den Ausfalls der Leitung zum olympischen 100-Meter-Finale. Gefragt sind kernige selbstkritische Aussagen, Pathos in der Stimme und Gelobigungen, im nächsten Spiel 120% zu geben. - Funktioniert allerdings auch nur, solange nicht die »Im nächsten Spiel ist
Endspiel«- und »Wir haben es jetzt begriffen«- und »Werden aus unseren Fehlern lernen«-Parolen sich nicht Woche für Woche wiederholen und das über Monate und Jahre. Willkommen also beim Club.

Wäre da nicht Michael Oenning.

Michael Oenning ist - wie einst Hans Meyer - so ein »Professor«. Er ist einer derjenigen, die auch abseits des Platzes eine gute Figur machen, intelligente Dinge sagen können und den Fußball nicht als Zenit der Gesellschaft sehen, sondern als Teil davon, und entsprechend auch über den Tellerrand gucken und denken können. Das macht auch Michael Oenning (siehe oben) mit zunehmender Dauer suspekt.

Anfänglich gehätschelt als der »sympathische Neue«, den man einfach lieb haben muss, setzt Michael Oenning selten Parolen ein und bleibt in der Regel ruhig und sachlich in seinen Analysen. Das missfällt den Medien sehr. Und da die Trainer aber immer was sagen müssen, auch wenn sie gar nichts neues sagen wollen (oder zumindest nichts, was die Medien was angeht), tun diese »Professoren« nun etwas Ungeheurliches: Sie setzen rhetorische Stilmittel und ihre Sprachfertigkeit ein.

Bei Meyer brachte das schon eine ganze Boulevard-Gilde zur Weißglut, wenn er mal wieder auf die Frage, ob denn die Grottenleistung personelle Konsequenzen habe, antwortete sinngemäß: »Gehen Sie mal davon aus, dass wir auch im nächsten Spiel wieder elf Spieler aufstellen. Vielleicht erschieße ich aber auch einige vorher.« Hat der Meyer so wörtlich nicht
gesagt, hätte aber von ihm sein können. Aber genau das verwirrt den Boulevard, weiß er nun nicht, ob der Meyer das nun ernst meint. Und da der Boulevard nicht lange nachdenkt, wird einer wie Meyer erst einfach wörtlich genommen (da kann man ja auch mit arbeiten) - und wenn dann selbst die Oma des Redakteurs darüber lachen muss, wendet sich der Zorn des
Redakteurs gegen den, der ihn so verwirrt hat.

Nun sagt also der Oenning: »Wären wir eine Spitzenmannschaft, hätten wir 1:0
gewonnen«.

Und wie eben der kicker, als Medium mit immerhin dem Bestreben nicht wie Boulevard zu wirken, schon feststellt, benutzt Oenning hier den Konjunktiv. Das macht die Einschätzung der Aussage schwierig, auch wenn es sich die Boulevard-nähere Gazetten einfach nicht schwierig machen. Die »AZ« z. B. interpretiert das nämlich einfach so:

»Aber FCN-Trainer Michael Oenning zeigt sich auch tief enttäuscht von seinen Profis. Und bekennt: „Wir sind derzeit keine Spitzenmannschaft.“ [...] „Ich bin enttäuscht“, schäumte der 43-Jährige. „Wir sind derzeit mit Sicherheit keine Spitzenmannschaft. Sonst hätten wir gewonnen.“

Die »tz« hatte es aber wohl ähnlich wie der »kicker« vernommen:

»Die Koblenzer haben ja nicht gerade den Druck gemacht, dass wir ins Schwimmen kommen. Wenn wir eine Spitzenmannschaft wären, dann wären wir mit 1:0 durchgekommen!«

Nun fällt mir schon schwer, Oenning mir »schäumend« vorzustellen, zudem glaube ich eher an den Konjunktiv, und der lässt nämlich zwei Interpretationen zu - und die, so schätze ich Michael Oenning durchaus ein, sind auch mindestens billigend in Kauf genommen:

1. Wir sind keine Spitzenmannschaft, weil wir es nicht geschafft haben, das 1:0 zu verwalten (und dieser Auslegung folgen ja die meisten Interpreten)

und

2. den Umkehrschluss: Wäre das Spiel 1:0 ausgegangen, hätte man uns als abgeklärte Spitzenmannschaft deklariert, die eben in der Lage ist, so ein Spiel nach Hause zu bringen.

Und auch wenn es gewagt ist: Ich glaube durchaus, dass Oenning das im Sinn hatte, die letztere Interpretation, denn das passt auch viel besser in seine Analyse des Spiels: Oenning ließ nämlich verlauten, dass man gar keinen Anlass sah, das Spiel zu machen und selbst aufzumachen, zumindest solange Koblenz nicht Willens und in der Lage schien, trotz Rückstand ein Offensivspiel zu entwickeln. Umso mehr ärgerte er sich dann eben über Aktionen wie die von Spiranovic, der den Ball vertändelte. Nicht weil ein Fehler gemacht wurde, sondern weil ein unnötiger Fehler aus Leichtsinn gemacht wurde. Fehler gehören durchaus ins Kalkül und werden beiderseits gemacht, aber Leichtsinn hat aus dem abgezockten 1:0 ein 1:1 gemacht und damit aus der Spitzenmannschaft den »Depp«.

Kurzum: Der Club ist kraft Faktischen keine Spitzenmannschaft, weil wir nicht wie eine auftreten und im hinteren Drittel der Tabelle stehen. Punkt.

Ob wir eine sein könnten, das ist da eine ganz andere Frage. Sie wird aber auch nicht damit beantwortet, dass man von Spiel zu Spiel den Spitzenmannschafts-Wasserstand ablesen wollen. Wir sollten einfach mal schön kleinere Brötchen backen und - wie der Kanzler das hier so schön kommentierte, »auf dem Boden der Tatsachen ankommen«. Daher schließe ich
mich - nach dieser gewohnt langatmigen Rückmeldung aus der Sprachlosigkeit vom Wochenende (nicht nur, aber auch ob des Clubs) - dem Kanzler auch mit dem Schlusswort an:

»Geduld und Spucke, Leute, und ein wenig Maß für die Realität!«


Mit freundlicher Genehmigung von www.clubfans-united.de