Das spektakulärste Spiel der Saison

„Wir haben einen Außerirdischen“

Werder Bremen war besser, der VfB Stuttgart schwamm. Doch dann kam Rettung vom Planeten Gomez. Der Nationalstürmer schoss drei Tore – und machte deutlich: Bei den Schwaben wird Fußball so langsam zur Individualsportart. imago images
Was er von Luca Toni halte, wollte dann noch einer wissen, ganz am Ende, als Mario Gomez jede Frage schon mindestens einmal zu oft beantwortet hatte. Bis zur letzten Stiefelspitze hatte er seine drei Tore schon nacherzählt, und es hatte sich nicht verhindern lassen, dass sich die Tore im Laufe der Zeit ein wenig veränderten. Während Gomez den Sturmkollegen Marica vor allen Kameras fast wortgleich für die hübsche Hackentrick-Vorlage vor dem 1:1 belobigte, bekam der Mitspieler Bastürk für den Querpass vor dem 2:1 zunächst auch ein paar warme Worte ab.

[ad]

Das war menschlich lobenswert, inhaltlich aber leider falsch, und je weiter Gomez im Presseparcours vorankam, umso mehr verformten sich seine Sätze in Richtung Wahrheit. Vor der letzten Kamera sagte Gomez dann, Bastürk habe sich`"fast entschuldigt" für diesen Querpass, der in der Tat viel zu scharf und viel zu steil geflogen kam. Dann wollte Gomez gehen. Aber dann kam die Frage nach Luca Toni.

"Du musst sofort handeln können"


Bis zu diesem Wochenende hat man davon ausgehen können, dass es für einen deutschen Stürmer eine große Ehre ist, über den Weltmeister Luca Toni sprechen zu dürfen. Seit diesem Wochenende aber ist es nicht mehr ausgeschlossen, dass es bald auch für den Weltmeister eine Ehre sein könnte, mit diesem deutschen Stürmer verglichen zu werden. "Was mir an Toni imponiert, ist, dass er vor dem Tor nie überlegen muss, ob er den rechten Fuß, den linken Fuß oder den Kopf nimmt", beantwortete Gomez aber erst mal die Frage. "Du musst sofort handeln können, das ist im modernen Fußball für einen Stürmer das Wichtigste." Und dann sagte Gomez noch, "dass das im Prinzip auch meine Stärken sind".

Im Prinzip kann man das so sagen. Mario Gomez hat drei Tore und eine Torvorlage beigesteuert zum kuriosen 6:3 (2:1) seines VfB Stuttgart gegen Werder Bremen, und hinterher hat er zurecht nicht einsehen wollen, warum er jetzt künstlich bescheiden sein soll. Er hat den Vergleich mit Toni mannhaft angenommen, weil er weiß, dass er nicht zu jener Sorte Stürmer zählt, wie sie die Bundesliga gerne produziert: zu jenen, die ab und zu mal doppelt oder dreifach treffen und dann sieben Spiele gar nicht mehr. Am Ende können diese Teilzeittorjäger stolz ihre Jahresbilanz von zwölf oder 15 Treffern herumzeigen - das nützt ihrem Ruf, aber nicht unbedingt ihren Teams, die nie genau wissen, ob der Herr Stürmer heute zu treffen gedenkt oder nicht.

Bei Luca Toni und Mario Gomez aber wissen die Mannschaften Bescheid. Sie wissen, dass sie unter dem Schutz ihrer Vollzeittorjäger stehen, und speziell der VfB ist eine Elf, die ohne diesen Schutz der Liga hilflos ausgeliefert wäre. "Wir brauchen einen wie Mario, der auch in einer schwachen Phase da ist", hat Thomas Hitzlsperger später gesagt. In 24 Pflichtspielen - Pokal und Champions League inklusive - hat Gomez in dieser Saison 23 Treffer erzielt, und was der VfB und sein Stürmer da treiben, sieht manchmal aus wie ein interner Wettbewerb. Jeden Spieltag aufs Neue geht es um die Frage, wer gewinnt - gewinnt die Mannschaft, weil sie hinten mehr Fehler macht, als Gomez vorne Tore schießen kann? Oder gewinnt Gomez, weil er jeden torbringenden Stellungsfehler der Abwehr mit einem eigenen Treffer kontert? Gegen Jena, im Pokalspiel, hat die Mannschaft gewonnen. Gegen Bremen gewann Gomez.

Es war das spektakulärste Spiel dieser Saison, aber die Wahrheit hinter dem Spektakel war erschütternd banal. Die Wahrheit hieß Gomez. "Wir haben da einen Außerirdischen mit der Nummer 33, der hätte heute auch aus der Kabine ins Tor getroffen", witzelte Ludovic Magnin. In der Tat kam die Rettung vom Planeten Gomez, und es waren nicht nur seine Tore, die einem bedenklich wackelnden VfB zu Hilfe kamen. Gomez hatte an diesem Tag nicht nur ständig den Spielstand verändert, sondern die ganze Mannschaft. Sein Spiel verlieh der Elf so viel Zutrauen, dass sie gar nicht anders konnte, als sich in die alte meisterhafte Offensivform hineinzusteigern. Sogar aus seinem Trainer holte Gomez das Beste heraus: Armin Veh, zuletzt wegen rätselhafter Auswechslungen vereinsintern in die Kritik geraten, wechselte diesmal so hinreißend ein und aus, dass Gomez nicht allein blieb in der Torstatistik. Auch die eingewechselten Cacau und Magnin, klassische Euphoriespieler, zerzausten die Bremer nach Herzenslust.

Sprengmeister und Spitzentänzer

Auf den ersten Blick sah der VfB wieder aus wie einst im Mai, auf den zweiten Blick aber war es das krasse Gegenteil. Im Mai ist der VfB deutscher Mannschaftsmeister geworden, aber so langsam wird Fußball in Stuttgart zur Individualsportart - betrieben von einem, dessen Spielweise die Liga selten erlebt hat. In dieser kolossalen Veranlagung paart sich Wucht mit Eleganz, Gomez ist ein Dribbelbrecher und ein Brechdribbler, er ist Sprengmeister und Spitzentänzer - und wie bei Luca Toni sind es die vermeintlich einfachen Tore, die sich bei näherer Betrachtung in kleine Kunstwerke verwandeln. Beim 1:1 zog er einfach an Torwart Wiese vorbei, er hat sich den Ball nicht zu weit und nicht zu kurz vorgelegt, und aus spitzem Winkel hat er ihn dann ins Tor geschossen, aus einer einzigen fließenden Bewegung heraus. Der Schuss war kontrolliert genug, um ins Ziel zu finden; aber er war auch schnell genug, um dem heranfliegenden Abwehrbein des Bremers Naldo zu entkommen.

Es ist keine Frage, dass hier ein Spieler gerade dabei ist, aus der Bundesliga herauszuwachsen. "Ich habe nicht vor, im Sommer zu gehen", sagt Gomez zwar, aber natürlich könne er "nicht sagen, was die Zukunft bringt". Gomez’ Vorliebe für seinen Herzensklub FC Barcelona ist verbürgt, und schon jetzt drängelt sich das Großkapital bei jedem VfB-Heimspiel auf der Tribüne. Die Späher von Chelsea und Arsenal gehören längst zum Stammpublikum, und VfB-Manager Horst Heldt weiß natürlich, "dass es unrealistisch wäre zu behaupten, dass Mario seinen Vertrag erfüllt". Zwar hat Gomez gerade erst bis 2012 verlängert, aber im Verein erkennen sie natürlich das Muster hinter dieser Unterschrift. Auch Aliaksandar Hleb, wie Gomez vom VfB-nahen Agenten Uli Ferber beraten, verlängerte einst extra seinen Vertrag, bevor er zwei Jahre später zum FC Arsenal übersiedelte und dem VfB 15 Millionen Euro einbrachte. Gomez’ Marktwert wird schon jetzt auf knapp das Doppelte geschätzt, aber vielleicht geht der schöne Plan des Agenten ja auch gar nicht auf. Wenn der Außerirdische weiter so spielt wie gegen Bremen, dann fliegt er wahrscheinlich früher davon.