Das skurrile Meisterschaftsrennen in Italien

Miauen bei den Unglücksraben

Aus elf Punkten Vorsprung wurde nur noch einer. Nun bestimmt der Aberglaube das Saisonfinale zwischen Tabellenführer Inter Mailand und Verfolger AS Rom. Birgit Schönau war vor Ort und hat im Kaffeesatz gelesen. Das skurrile Meisterschaftsrennen in ItalienImago Eine merkwürdige Stimmung liegt über der Stadt, spannungsvoll und geladen wie die Gewitterwolken, die Rom ein jähes Ende der vorzeitigen schwülen Sommertage bringen. Eine nervöse Stimmung voller Erwartung, eine Mischung aus Vorfreude und Angst. Und der Rest ist Schweigen. Eine eisern schweigende Mehrheit beherrscht Rom - es sind die Tifosi der Roma, die überzeugt sind, dass Reden nur Unglück bringen kann.

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Eisern schweigen die Freunde, die sonst jede Bewegung ihrer Magica mit lateinischer Logik und barockem Wortgedrechsel analysieren, sie beißen die Zähne zusammen und zischen: »Sonntag? Was soll Sonntag sein? Von welchem Spiel redest du eigentlich?«

In der Tageszeitung Il Romanista steht das Schweigen nicht nur zwischen den Zeilen. Die Leserbriefseite quillt vor Schweigen schier über. »Es passiert nicht, ganz bestimmt nicht. Aber wenn es passiert, feiern wir natürlich nicht.« Die Klubführung von Juventus Turin hat öffentlich erklärt, sie drücke am kommenden Sonntag der Roma die Daumen. Hilfe!!!

Die vom neuen Bürgermeister Gianni Alemanno angebotenen Großleinwände zur Übertragung des Spiels Catania Calcio - AS Rom haben die Römer unter Androhung eines Volksaufstands abgelehnt - eine solche Übertragung bringe Unglück. In Rom nimmt man es diesbezüglich sehr genau: Schließlich wurde Romolus, der Gründer dieser Stadt, aus den Zeichen des Vogelfluges ermittelt. Und bis heute werden die Babys in der Wiege mit den Worten gestreichelt: »Wie schön du bist! Gott schütze dich.« Kein Kompliment ohne diesen Zusatz. Denn Schönheit und Erfolg rufen das Malocchio auf den Plan. Den bösen Blick.

»Der Junge ist abergläubisch«

Im Olympiastadion von Rom gab es am Pfingstmontag eine tolle Szene, als Roma-Kapitän Francesco Totti und Diego Armando Maradona zu einem Benefizspiel antraten - Totti übrigens als Trainer und Maradona, der sich wie in alten Zeiten einen Elfmeter erflog, als Teamgefährte des dreimaligen Torschützen Eros Ramazzotti. Gefragt, ob er denn glaube, dass die Roma am letzten Spieltag am kommenden Sonntag noch Meister werde, schluckte Totti und antwortete dann forsch: »Soviel ich weiß, wird Inter Meister.« Maradona verdrehte neben ihm die Augen gen Himmel und feixte: »Der Junge ist abergläubisch!«

Da sprach der Meister selbst. Bevor Maradona mit dem SSC Neapel 1987 Juventus schlug und Meister wurde, war der Boden des Stadions San Paolo mit Knoblauchzehen gespickt worden. Das half tatsächlich gegen die Vampire aus Turin. Am Sonntag geht es wieder um alles oder nichts. Um Klassenerhalt oder Titel spielen der FC Parma gegen Inter Mailand und Catania Calcio gegen den AS Rom. Ein sensationelles Saisonende, das im Februar, als Inters Vorsprung vor Rom elf Punkte betrug, niemand geahnt hätte. Jetzt liegt der Titelverteidiger nur noch einen Punkt voraus - nicht zuletzt deshalb, weil Inters Marco Materazzi beim letzten Match gegen Siena einen entscheidenden Elfmeter verschoss. Auf den Rängen des Meazza-Stadions wurde da neben Buh-Geheul auch ironisches Katzenmiauen laut. Inter gilt in Italien traditionell als Klub der »Sfigati«, der Unglücksraben.

Und es war, als sei Materazzi beim Matchball eine schwarze Katze über den Weg gelaufen, wie weiland Radprofi Marco Pantani beim Giro d’Italia. Pantani prallte mit dem Tier zusammen und wurde schwer verletzt. Über Materazzis Teamkollegen Luis Figo hingegen kolportierte das Revolverblatt Libero, er habe auf dem Trainingsgelände eine von links kommende schwarze Katze absichtlich überfahren. Der geistesgegenwärtige Figo habe auf diese brutale Art dräuendes Unheil von Inter abwenden wollen.

Figo nur noch Reservist

Die Tierschützer liefen Sturm. Figo hingegen, inzwischen nur noch Reservist bei Inter, drohte Libero mit Klage. Nie im Leben habe er eine Katze überfahren, erklärte der Portugiese. Er fühle sich durch die Verbreitung dieses absolut unwahren Gerüchts nicht nur professionell geschädigt, sondern auch menschlich tief verletzt. Seit dem erschütternden 2:2 vom Sonntag gegen Siena wird auch bei Inter eisern geschwiegen. Silenzio Stampa, Schweigen gegenüber der Presse. Das hat schon vielen Teams Glück gebracht.

Bei den Gegnern der Titelanwärter liegen ebenfalls die Nerven blank. Der FC Parma entließ soeben, vor dem letzten Spiel der Saison, seinen Trainer Hector Cuper. Fristlos. Er müsse um jeden Preis eine Niederlage gegen Inter und damit den Abstieg in die zweite Liga vermeiden, begründete Parmas Präsident Tommaso Ghirardi. Und Cuper? Bringt Unglück, das weiß jeder. Der Argentinier hatte zuletzt 2002 am letzten Spieltag eine sicher geglaubte Meisterschaft verloren. Mit Inter. Aber wenn Cuper Inter Unglück bringt, wäre das doch ideal für den FC Parma! Präsident Ghirardi denkt nicht um die Ecke, sondern verfährt nach dem wichtigsten Dogma des Aberglaubens: Man weiß nie.

Aus Catania, wo man beim Spiel um den Klassenerhalt den AS Rom erwartet, verkündigte Trainer Walter Zenga: »Am Sonntag brauche ich einen Arzt neben der Bank. Ich habe nach zwei Jahren wieder angefangen zu rauchen, so groß ist der Druck.« Zenga, 48, dreimaliger Welttorhüter des Jahres, stand zwölf Jahre bei Inter im Tor. Zengas Sohn ist selbst Fußballprofi und ein Fan von Juventus, folglich damit am Sonntag für die Roma. Da soll jetzt mal einer aus dem Kaffeesatz der Familie Zenga lesen, wie in Catania die Zeichen stehen.