Das Parkstadion wird abgerissen

Wo es einem ins Bier regnete

Bevor die Science-Fiction-Arena »Auf Schalke« vom Himmel fiel, pilgerten Generationen von S04-Fans ins Parkstadion. Nun läuft der Abriss. Fan-Dinosaurier Klaus Wille erinnert sich an einen Ort der gaaanz großen Gefühle. Das Parkstadion wird abgerissenImago Heinz war Schalker. Durch und durch. Genau wie Michael. Es gab natürlich auch Gladbacher, viele sogar, und ein, zwei Duisburger. Zwei Exoten noch, die ihr Herz an Vereine aus dem Norden gehängt hatten. Spinner musste es ja auch geben. Das war Anfang der Achtziger, und als der erste endlich den Führerschein hatte, ging's zum Fußball. Wir wollten Bremen sehen, denn Bremen war Völler. Und die Bayern, denn Bayern war immerhin Bayern. Aber bitte nicht in Gelsenkirchen.

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Dafür hatten sogar Heinz und Michael Verständnis. Wir fuhren nach Dortmund und Bochum, denn dort standen Fußballstadien. In Gelsenkirchen stand das Parkstadion. Wo's immer zog, wo man wenig sah, und wo es einem sogar unter dem Dach ins Bier und in die Cola regnete, wenn nur der Wind schlecht genug stand.

Vorbei. Seit sechs Jahren liegt Schalkes alte Heimat brach. Im Juli werden nur noch zwei Flutlichtmasten an den Ort erinnern, an dem 28 Jahre lang Schalkes Träume geträumt wurden. Und so viele von ihnen zu Tränen zerflossen sind.

Es wird jeder seine eigenen Erinnerungen an das Parkstadion haben, immerhin spielte der FC Schalke von 1973 bis 2001 in dieser kalten, weitläufigen Schüssel, die ein Architekt mit dem Vorsatz entworfen haben muss, einen Ort zu schaffen, wo sogar die überbordenden Schalker Emotionen im Nichts versickern.

Den 19. Mai 2001 wird kein Schalke-Fan vergessen

Nie war das schlimmer als am 19. Mai 2001, dem Datum, das jeder Schalke-Fan mit dem Parkstadion verbinden dürfte - weshalb sich die Sentimentalität beim Abriss in Grenzen hält. Es gab ein Meer von Tränen an diesem Tag, wahrscheinlich sind damals zum ersten Mal mehr Tränen in den Boden als Bier durch die Kehlen geflossen.

In unserer hochtechnisierten Zeit werden sogar Mythen nach Metern und Sekunden vermessen: Vier Minuten und 38 Sekunden soll es gedauert haben, bis der Traum vom ersten Titel nach über 40 Jahren geplatzt war, weil Patrick Anderson in Hamburg für die Bayern vier Minuten und 38 Sekunden nach Schalkes Spielschluss noch das 1:1. Aber das will kein Schalker mehr hören, weil er es ohnehin nie vergessen wird.

Es war, bezeichnenderweise, das letzte Spiel im Parkstadion, in dem man ohnehin nie so richtig warm wurde. Die Schüssel liegt seit sechs Jahren im Schatten der neuen Arena, in der es so laut werden kann, dass einem die Ohren wegfliegen. Im Parkstadion flog einem höchstens das Stadionheft aus der Hand, so sehr konnte es ziehen. Seitdem es so da liegt, sieht es aus wie ein sterbendes Relikt aus einer anderen Zeit. Wie ein ausgehöhlter Backenzahn, von dem nur noch Wände rings um einen klaffenden Krater stehen. In ein paar Wochen ist auch das vorbei, nachdem man jetzt geklärt hat, wieviel und welche Giftstoffe damals verbaut worden sind.

1973, als das Stadion eingeweiht wurde, hat man diesen Dingen wenig Beachtung geschenkt. Man hatte auch noch keinen ausgeprägten Sinn für reine Fußballstadien. Die meisten Arenen, die vor der WM 1974 entstanden, mussten auch Leichtathleten eine Heimat bieten. Also: Laufbahn rein, Stimmung raus. Auf Schalke kostete das 56 Millionen Mark. Die Häfte der Plätze war zum Stehen da, nur 22 500 waren überdacht, und das auch noch so, dass einem der Regen selbst auf den teuren Plätzen ins Gesicht sprühte.

Das passte zu vielem, was sich in 28 Jahren im Parkstadion abgespielt hat. Oft war es verwässerte Hausmannskost. Schalke, das ist nach den letzten Jahren in der Spitzengruppe der Bundesliga in Vergessenheit geraten, stürzte in den Siebzigern und Achtzigern ein paar Mal böse ab. Dreimal ging's bis in die 2. Liga, gefördert von jahrelanger Misswirtschaft und Skandalen. Einmal, 1989, wäre man fast bis in die Oberliga gerauscht. Ein 4:1 gegen Blau-Weiß 90 Berlin verhinderte das Schlimmste, und 66 000 Fans feierten den Klassenerhalt wie den Titel, mit dem es seit 50 Jahren nicht klappen will.

Kerkrade, Trabzon, Brügge, Valencia, Teneriffa und Mailand

Nicht alles war elend. Das Parkstadion erlebte auch gute Momente. Nicht viele zwar, aber einprägsame: 1997 wurde hier der Ruf der Eurofighter begründet, von denen im Verein heute noch mit heiliger Ehrfurcht erzählt wird. Wie ging's zum Uefa-Cup? Kerkrade, Trabzon, Brügge, Valencia, Teneriffa und Mailand - das gehört zum kleinen Einmaleins auf Schalke.

Als der 17jährige Thon drei Tore gegen Bayern schoss Vielleicht zählen die seltenen Augenblicke, in denen ein Hauch von Magie durch das Parkstadion wehte, mehr als jeder Titel. 1984 war so ein Moment, als beim 6:6 gegen Bayern München der 17-Jährige Olaf Thon drei Tore schoss und ganz Schalke von einer goldenen Zukunft träumte. Dass es danach nur fünf Jahre bis zum Spiel gegen Blau-Weiß 90 Berlin dauerte - geschenkt.

Das Stadion war schließlich nicht nur Schalke. Es gab Konzerte, eine Papst-Messe vor 100 000 Menschen und tatsächlich drei Leichtathletik-Meisterschaften, wie um zu beweisen, dass die Tartanbahn notwendig war. Und wenn es magische Momente gab, gab es auch Augenblicke völliger Ignoranz: Kurz vor der WM 1990 trat Deutschland zum Testspiel gegen Dänemark in Gelsenkirchen an. Franz Beckenbauer wechselte und wechselte, am Ende hatte Deutschlands Teamchef 21 Spieler eingesetzt und einer ganzen Region demonstriert, wie gleichgültig sie ihm war.

1983 wurde sogar eine Meisterschaft gefeiert

Ach ja: Eine Meisterschaft ist im Parkstadion tatsächlich gefeiert worden. 1983 war das, und Schalke war nicht mehr als schmückendes Beiwerk für den großen Ernst Happel. Für Königsblau ging's um nichts, für den HSV um alles. Von uns war damals niemand dabei. Vermutlich waren wir in einem anderen Stadion, auch wenn dort nichts auf dem Spiel stand. Dafür plädderte einem wenigstens der Regen nicht auf die Bratwurst.