Das Märchen von Sassuolo-Kapitän Francesco Magnanelli

Der kleine Patrick Vieira

Vor zehn Jahren spielte der Provinzklub Sassuolo in der vierten Liga, heute in der Europa League. Seit Beginn dabei: der heutige Kapitän Francesco Magnanelli.

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Wer den Aufstieg von Calcio Sassuolo verstehen will, dem sei eine Szene aus der vergangenen Saison ans Herz gelegt. Im Spiel gegen Atlanta Bergamo führt Spielmacher Francesco Magnanelli gerade den Ball Richtung gegnerisches Tor, als er einen Gegenspieler auf sich zurennen sieht. Er macht das Spiel weder schnell noch verlagert er es. Er weicht der Konfrontation nicht aus, sondern rast darauf zu. Der Gegner soll ruhig kommen, wenn er was will. 

Magnanelli zieht einen mittelmäßigen Cruyff-Turn aus der Kiste, der zwar den Gegner aussteigen, aber ihm den Ball verspringen lässt. Statt sich über den misslungenen Trick zu ärgern, macht Magnanelli zwei große Schritte und wirft sich mit einer Vinnie-Jones-Gedächtnisgrätsche in den Ball - den er zielgenau zum Mitspieler spitzelt. 



Der Italiener ist nicht nur das Gehirn dieser Mannschaft, sondern auch dessen Herz. Ihre Seele. Seit zehn Jahren ist er im Verein, länger als jeder andere Spieler im aktuellen Kader. Mit ihm ist der Verein drei Mal aufgestiegen - von der vierten Liga in die Serie A. Der vorläufige Höhepunkt: Mit einem vergleichsweise lachhaften Etat und ohne große Namen im Kader beendete Sassuolo die vergangene Saison auf einem Europa-League-Platz. Dort läuft es in dieser Spielzeit gut, in der Gruppenphase gab es zum Auftakt einen 3:0-Sieg gegen Athletic Bilbao. In der Liga belegt Sassuolo immerhin den 9. Platz. 


Magnanelli agiert dabei immer trickreich, er führt den Ball so eng, als bewachte er ihn wie ein eifersüchtiger Ehemann. Kommt jemand seinem Liebling zu nahe, wird er giftig. Nimmt ihm jemand den Ball, setzt er alles daran, ihn zurückzuerobern. Er ist trotz allem kein Hauptdarsteller, er dirigiert lieber. Dabei hilft ihm sein hervorragender Blick für das Spiel, sein sicheres Passspiel mit beiden Füßen und vor allem seine erstaunliche Präsenz. Er erinnert an guten Tagen an Yaya Touré oder Patrick Vieira. Obwohl der 31-Jährige eigentlich viel zu schmächtig ist, um das Schlachtross im Mittelfeld zu geben. In anderen Klubs wäre er mit seinen 1,77 Meter wohl Ergänzungsspieler auf der Position. In Sassuolo ist er Stammspieler - und Kapitän.