Das letzte Meisterschaftsfinale während des Krieges

DSC, Deutscher Meister

Nachdem die Ausscheidungsrunde nur noch behelfsmäßig durchgeführt werden konnte, stehen sich im Finale der traditionsreiche Dresdner SC und der erst 1942 von Wehrmacht-Oberst Fritz Laicher ins Leben gerufene Luftwaffen-Sportverein Hamburg gegenüber, Letzterer gespickt mit Stars wie Willy Jürissen im Tor, Außenläufer Robert »Zapf« Gebhardt und Stürmer Ludwig Janda, die zuvor bei Renommierklubs Erfolge gefeiert haben. Da die Bomber seit dem 6. März auch tagsüber Angriffe fliegen, wird die Sportstätte am Maifeld, ein potentielles Ziel, erst am Sonntagmorgen als Spielort bekanntgegeben. Zwar dienen die Katakomben als Luftschutzkeller, doch Platz für 70 000 gibt es dort nicht. Ein Evakuierungsplan ist ebenso wenig vorhanden. Viertelstündlich wird über eine Sonderleitung zum Gaukommando die »Luftlage« übermittelt. Sollte es Fliegeralarm geben, müssen sich die Massen laut einer Weisung aus dem Reichshauptamt »irgendwie zerstreuen«.

Gehen die Zuschauer davon aus, dass die Alliierten, vor allem die fußballbeflissene Royal Air Force, kein vollbesetztes Stadion bombardieren? Oder nehmen sie das Risiko auf sich, als Preis für ein Spiel, das sie 90 Minuten lang vergessen lässt, dass draußen die Welt brennt?

Doch nicht alle vergessen alles: Die Soldaten auf der Tribüne schmähen Helmut Schön, Stürmer des Dresdner SC und 30 Jahre später Trainer der deutschen Nationalmannschaft, die erst gegen die DDR mit 0:1 verliert und dann doch Weltmeister wird. Sie skandieren: »Schön KV!« KV steht für »kriegsverwendungsfähig«. Tatsächlich ist Schön wegen eines Knieschadens nur wenige Tage an der Front gewesen, anders als etwa Herbert Pohl, der rechte Läufer, dem 1942 bei einem Fronteinsatz im russischen Tula durch eine deutsche Fliegerbombe der linke Arm abgerissen wurde.

DSC-Mitglied Karl Mehnert, Chef des Wehrkreises Dresden, hat Schön und »König« Richard Hofmann persönlich freigestellt. »Trotz des sinnlosen Krieges, der das Leben immer mehr beeinflusste«, so Schön später, »war es für uns Sportler eine herrliche Fußballzeit.« Wie viele Nazi-Bonzen weiß auch Mehnert um die ablenkende und deshalb normalisierende Wirkung, die der Volkssport, anders als jede Propaganda, immer noch hat. Die »Fußballwoche« schreibt in jenen Tagen: »Der Krieg hat dem Fußball als besondere Mission zugewiesen, Millionen von Soldaten und schaffenden Menschen Entspannung zu geben.« Und weiter: »Nicht wer eine solche Kriegsmeisterschaft gewinnt, ist das Wichtigste, sondern vielmehr, daß sie auch im fünften Jahre des weltbewegenden Völkerringens ausgetragen werden kann.«

Der Dresdner SC besiegt den LSV Hamburg schließlich mit 4:0, Schön, Rudi Voigtmann und zweimal Heinrich Schaffer erzielen die Tore. Einige Tage später schicken die Spieler eine Postkarte nach Camp Ellis, Illinois, USA. Adressat ist ihr Mannschaftskamerad Rudi Simon, Prisoner of War. Die knappe Botschaft lautet: »DSC Deutscher Meister.«

Es bleibt das letzte Finale während des Krieges. In der Folgesaison kann nur die Gauliga Hamburg noch regulär zu Ende gespielt werden, erst 1948 wird wieder ein Meister ermittelt. Ab dem 24. August 1944 fallen die Bomben auch auf Dresden. Das Stadion am Ostragehege, die Spielstätte des DSC, dient dabei als Orientierungspunkt für die Flieger. Allein in den vier Angriffswellen vom 13. bis zum 15. Februar 1945 sterben Schätzungen zufolge 25.000 Menschen. Große Teile der Innenstadt und der Infrastruktur werden zerstört. »Dresden war eine Ansammlung von Munitionsfabriken, ein intaktes Verwaltungszentrum und ein Knotenpunkt für Transporte nach Osten«, schreibt Arthur Harris, Air Chief Marshal der Royal Air Force. »Nun ist es nichts mehr davon.«

Als eine Bombe das Vereinsheim des DSC trifft, wird die Meistertrophäe »Victoria« verschüttet. Später fällt sie einem Fan in die Hände, der sie in einem Berliner Keller unter einem Kohlenhaufen versteckt. Sie wird fast 40 Jahre lang dort bleiben. Der Verein wird noch 1945 gemäß der Kapitulationsbestimmungen als »Symbol feudaler Cliquenwirtschaft« aufgelöst. Einige Spieler, unter ihnen Helmut Schön, gründen daraufhin die SG Dresden-Friedrichstadt. Die meisten von ihnen setzen sich jedoch 1950 auf Initiative Schöns, der bereits unter Sepp Herberger eine Trainerausbildung absolviert hat, nach West-Berlin ab.

 Am 18. März, wenige Wochen nach dem verheerenden Bombardement auf Dresden, wird das reale Kolberg von russischen und polnischen Truppen eingenommen, die Einwohner werden evakuiert. Propagandaminister Goebbels untersagt, dies im Wehrmachtsbericht zu erwähnen.