Das irre Leben des Heleno de Freitas

»Nur noch ein Fll fürs Hospiz«

Sein Arzt schüttelt nur den Kopf. »Heleno«, sagt er, »du musst auf dich achten. Auf deine Gesundheit. Du bist krank. Du musst aufhören zu trinken und zu rauchen. Und, wenn möglich, auch mit dem Fußball. Am besten jetzt gleich.« Da wütet Heleno mehr als je zuvor. Der Syphilis soll er sich beugen? Heleno de Freitas spielt nicht im Maracanã? Undenkbar. Er wird, ein letztes Mal noch, seinen Willen bekommen. Am 4. November 1951, anderthalb Jahre nach Ghiggias Tor, läuft endlich auch Heleno de Freitas in das riesige Oval ein, als Spieler des América FC. Kein WM-Finale, ein kleines Zweitrundenspiel der regionalen Meisterschaft. Es gibt ein Foto von diesem Tag, es zeigt einen Mann mit aufgedunsenem Gesicht und Doppelkinn. Das einst hochmütige Lächeln grotesk verzerrt. Schlimmer noch: Die Augen sind stumpf. Sie schauen ins Nichts.

Nach 25 Minuten ist alles vorbei. Heleno de Freitas fliegt wegen Beleidigung vom Platz. »Nur noch ein Fall fürs Hospiz«, schreibt das »Jornal dos Sports« tags darauf, mit dunkel grausamer Vorahnung. Kein 31-Jähriger hat sich da über den Rasen geschleppt, sondern ein alter, zerstörter Mann. Die Antiklimax einer Karriere.



Nach dem Desaster von Maracanã fällt alles zusammen. Mit dem Fußball ist es vorbei. Zwei Jahre lang kommt Heleno, schon schwerkrank und immer wirrer, bei seinem Bruder Heraldo unter, spielt manisch Backgammon gegen dessen Kinder. Gewinnen lässt er sie nicht, kein einziges Mal. Spät in den schlaflosen Nächten schleicht er dann in ihre Zimmer und zieht ihnen die Decken zurecht. Dass ihnen kalt wird, ist seine größte Sorge. Tagsüber erzählt er stundenlang von dem gleichen Riesen, der Bäume mit bloßen Händen ausreißen kann.

Ganz am Ende, in seinem kargen Zimmer in dem gekalkten Bau an der Avenida São Sebastião, ist Heleno de Freitas, der einstige Superstar, nur noch ein hagerer Mann mit strähnigen Haaren und starrem Blick, ein Skelett von 30 Kilo, mit nur noch einem Zahn im Mund. Ein knapp 40-Jähriger im Körper eines 80-Jährigen. Ein Stern, verglüht wie die abertausenden Continental, die er aufgesaugt hat wie das Leben.

Ein neuer Star taucht auf: Pelé

Oh, Heleno. Während du in deinem weißen Zimmer mit letzter Kraft die Vergangenheit hinunterwürgst, ist draußen, am Strand, bereits ein neues Brasilien entstanden. Ein neuer Soundtrack, ohne den Pomp der Vierziger. Nur noch eine Gitarre und ihre Stimme brauchen sie nun, die Kinder der Reichen, für ihre neue Musik, die sie Bossa nova nennen. Sie haben etwas, das du, Heleno, so dringend gebraucht hättest, schwer zu sagen, was genau, vielleicht Selbstironie, vielleicht Gelassenheit. Vielleicht einfach ein bisschen Glück. Niemand zieht jetzt mehr die Augenbrauen so tief. »Was meinst du damit, ich bin dir zu schräg?«, so singen sie sanft, ein bisschen desafinado sein, das ist doch ganz normal.

Sie sind es nun, die die schönsten Girls ins Bett kriegen, hoch oben in den steilen Wohnungstürmen. Und nun wird auch die Seleção Weltmeister, die Brasilianer lassen den Fußball zum ersten Mal kinderleicht erscheinen, wie eine simple Fingerübung auf der Gitarre, und ein 17-jähriger Bengel namens Pelé ist ihr neuer, ihr ganz großer Star.

Und nur ein Jahr darauf stirbt Heleno de Freitas, an einem klaren Novembertag, in einem sehr weißen, sehr einsamen Haus an der Avenida São Sebastião.