Das irre Leben des Heleno de Freitas

Die wilde Flucht

Als Heleno, das Genie, den entscheidenden Elfmeter verschießt, der Botafogo die Meisterschaft kostet, geht er, zornbebend wie nie, auf die Teamkollegen los, sie haben es verbockt, wer sonst, am Ende sitzt er einsam unter der Dusche, neben ihm nur noch ein pitschnasses Ego.

»Gilda! Gilda!«, rufen ihm längst die gegnerischen Fans hinterher, und meinen: die neueste Rolle von Rita Hayworth, quasi: original drama queen. Sie haben den wunden Punkt erkannt: die Männlichkeit. Den Zorn. Das Ich.

Und dann sitzt ihm sein Präsident Carlito Rocha gegenüber. Heleno hört die Worte nicht, die aus seinem Mund kommen: »Du bist ein Star, aber wir verkaufen dich an Boca.« Wie? Boca?

Wie in Trance schleicht Heleno in die Kabine. »Da geht er«, ätzt einer der Nichtskönner: »Der, der vergaß, dass er nur ein Fußballspieler war.« Aber Heleno kann, muss auch hier noch einen draufsetzen. »Ich bin kein Fußballspieler«, zischt er, »ich bin ein Botafogo-Spieler.«

Woher die Wut, Heleno?

Und auf wen?

Argentinien jedenfalls wird ein Desaster, das erste von vielen. Zum Training erscheint der Prinz von Rio im langen Wintermantel, schweinekalt ist ihm. Die anderen schütteln nur den Kopf. Die Dämonen, er trifft sie jetzt, in dem kalten Land mit der harten Sprache, immer öfter. Frau und Kind hat er daheim gelassen, der Einsamkeit begegnet er mit neuen Exzessen. Natürlich verkehrt er auch hier in den besten Kreisen. Selbst Evita Peron, die schöne First Lady, soll ihm verfallen sein, ihm und seinen wunderbar traurigen Augen.

Er schießt sich selbst in den Fuß

Bei der Heimkehr ein Jahr später hat ihn seine Frau verlassen, für einen Teamkollegen, seinen besten Freund. Helenos Reaktion, mitten im Prunk seines Apartments: »Dann verkaufe ich diese Bruchbude und ziehe ins Copacabana Palace, wo ich hingehöre.« Stattdessen schießt er sich im nächsten Rausch erst einmal selbst in den Fuß, er will wie John Wayne ein Streichholz zwischen seinen Zehen treffen.

Wohin nun? Vasco da Gama erbarmt sich seiner, Heleno ist hier nur noch ein Spieler wie jeder andere. Die Meisterschaft, ein schwacher Trost. Die Familie kaputt, Kontakt zu seinem Sohn ist ihm verboten, und auch die Copacabana ist eine andere geworden. Der Hotelpalast wird jetzt von drei Seiten überragt von immer neuen Hochhäusern, acht, zehn, zwölf Stockwerke hoch. Die Stadt am Strand wächst immer schneller, will immer höher hinaus, sie strebt dem steinernen Jesus entgegen. Das Maracanã ist fast fertig, bald beginnt die WM, doch Nationaltrainer Flavio Costa denkt nicht daran, sich ein Problem namens Heleno in den Kader zu holen.

»Ich kann Wunder tun«

Es folgt eine weitere Flucht. Nach Kolumbien, ein Land am Rande des Bürgerkriegs, in dem unverhofft die lukrativste Liga Lateinamerikas entstanden ist. Die Rebellenliga. El Dorado, so nennt sie sich. Wie passend. Eine glitzernde Scheinwelt inmitten des Chaos. Eine Welt, wie gemacht für unseren Heleno.

»Ich kann Wunder tun«, verkündet er gleich bei seiner Ankunft. Und der 22 Jahre alte Lokaljournalist García Márquez schreibt fleißig mit. An guten Tagen stellt Heleno die anderen Stars in den Schatten, darunter einen gewissen Alfredo di Stéfano. An schlechten …

Die große WM findet ohne ihn statt. Und Brasilien verliert das entscheidende Spiel gegen Uruguay 1:2 – ein 1:1 hätte zum Titel gereicht. Vom Siegtreffer des Alcides Edgardo Ghiggia, der an diesem 16. Juli 1950 das riesige Stadion zum Schweigen bringt und eine Nation in den Schockzustand versetzt, erfährt Heleno de Freitas, Ex-Held im Exil, erst am folgenden Tag aus der Zeitung. Noch einmal bricht sich der bittere Zorn Bahn. Mit ihm wäre das nicht passiert, unmöglich, ausgeschlossen.

Er ist ja keiner, der auf Unentschieden spielt! Der wütende Prinz zieht in die süße Nacht, trinkt, raucht, vögelt, und fasst dann, die Sinne noch halb betäubt, neue, noch einmal die ganz großen Pläne. Er wird zurückkommen und es allen noch mal zeigen. Doch was sich dereinst der kranke Ali gegen Larry Holmes vornehmen wird, kann auch 30 Jahre früher nicht klappen.