Das irre Leben des Heleno de Freitas

Brasiliens erster Skandalprofi

Auf dem Spielfeld tut er Dinge, die sie noch nie gesehen haben, nicht mal in Brasilien. Einmal stoppt er den Ball mit der Brust, 20 Meter vor dem Tor, lässt sich ins Hohlkreuz fallen, dass man es knacken zu hören meint, und läuft dann, den Ball unerreichbar auf dem Botafogo-Stern balancierend, bis ins Tor.

Nichts scheint unmöglich in diesen goldenen Tagen. Für Heleno wie für Rio. Der Weltkrieg endet, eine neue Architektur ist im Entstehen. Während Heleno mit dem weißen Stern auf schwarzer Brust der Meisterschaft, der Carioca, hinterherhetzt, die doch alle von ihm erwarten, mit der es aber nicht klappen will, hat er längst das viel größere Ziel im Sinn. Das Maracanã, das größte Stadion der Welt, das die Stadtväter für die Weltmeisterschaft 1950 bauen lassen. 200 000 Menschen! Sie alle werden ihm dabei zusehen, wie er die Seleção zum ersten Titel führt, werden ihm huldigen, wenn er sich den Jules-Rimet-Pokal über den Narbenscheitel schwingt. Es wird seine WM, und so spricht er auch von ihr, so prahlt er vor allen.

Eine Kostprobe der süßen Zukunft trägt er schon jetzt immer bei sich, in einem kleinen, braunen Fläschchen, das es in jeder Apotheke gibt. »Ah, dieser verteufelte Äther«, wird Drogenpapst Hunter S. Thompson seinen Anti-Helden Raoul Duke später sagen lassen. »Man verliert alle grundlegenden motorischen Fähigkeiten, verschwommene Sicht, fehlender Gleichgewichtssinn, taube Zunge. Dein Verstand wendet sich mit Grausen ab.«

Süß und betäubend wie der Äther ist auch die Copacabana, das Paradies der Versuchung. »Kleine Meerprinzessin« nennen sie ihre prunkvolle Bucht, und Heleno ist ihr Prinz. Milde blickt Christus, der andere Superstar, von seinem Hügel herab auf das größte Irrlicht der Stadt.


Der Raubvogel und das Holzkinn: Bei einem Spiel zwischen Botafago und Fluminese im Jahr 1947 treffen die besten Stürmer ihrer Zeit aufeinander: Heleno de Freitas und Ademir de Menezes.

Helenos Tage scheinen mehr als 24 Stunden zu haben, morgens spielt er, wenn er Lust hat, Turniere am Strand, guckt sich schon mal die besten Mädchen aus, nachmittags trainiert er ein bisschen mit seinem Team, und abends – nun, abends beginnen die langen, langen Nächte von Rio.

Bei Botafogo lassen sie ihm, dem craque problema, Brasiliens erstem Skandalprofi, ohnehin alles durchgehen, die wüsten Beleidigungen der Kollegen, die durchzechten Nächte. Einfacher Grund: Sie brauchen ihn. Den spielenden Mittelstürmer. Den Supertechniker. Den manisch Ehrgeizigen. Den Irren.

»Das Spiel ist doch das Leben«

Hat dich der Äther kaputtgemacht, schöner Heleno, oder war es das verdammte Maracanã? Die saudade, die große brasilianische Sehnsucht, verzehrt einen, wenn man nicht aufpasst. Sócrates, den anderen genialen doutor müsste man jetzt fragen können, doch auch der ist schon tot, noch so ein verfluchter Prinz, zugrunde gegangen an der Süße des Lebens, die er sich am liebsten mit Limetten und Eiswürfeln reichen ließ.

Der Caipirinha! Die Frauen! Du musst es dir nehmen, das Leben. Du darfst es nicht an dir vorbeigehen lassen, wenn du am besten Strand von Rio liegst, die weißen Mauern des Palace im Rücken, und wenn es in einem knappen Badeanzug steckt. Zwei Möglichkeiten: Mach sie zur Kunst, diese atemlose Schönheit, so wie später Vinicius de Moraes und Tom Jobim, als die junge Heloísa Eneida Menezes Paes an ihnen vorbeischwebt, das »Girl from Ipanema«. Oder stell dich ihr in den Weg und finde heraus, ob ihr Atem auch so süß schmeckt wie der Duft aus dem braunen Flakon – vielleicht noch ein bisschen süßer. Und das ist, natürlich, immer der Weg gewesen des gierigen Habichts namens Heleno.

Es ist ihm dabei allzu ernst. »Sie sagen, es ist nur ein Spiel, aber das Spiel ist doch das Leben!« So klagt, so wütet Heleno, der Besessene. Warum nur denkt keiner so wie er? Daran liegt es doch schließlich, dass sie immer noch keine Meisterschaft gewonnen haben. Woran sonst?

»Die Spieler sollten sich vor jedem Spiel eine Oper ansehen«, sagt er. Das ist doch der Fußball: eine großartige Inszenierung, eine Show. Und er ihr Mittelpunkt. Er fühlt sich allen überlegen, logisch, so ist er ja aufgewachsen, der Sohn des Plantagenbesitzers, der Privatschüler, der Anwalt. Natürlich aber hat keiner der proletarischen Banausen auf ihn gehört. Warum also erwarten sie, dass er einem schlecht gepassten Ball hinterherwetzt wie ein lausiger Straßenköter? Warum haben sie sich gegen ihn verschworen? Wenn er zwei Tore schießt, kassieren sie drei, sie neiden ihm seinen Ruhm, seine Kunst, seine Frauen.