Das fulminante Comeback des Marcel Heller

Achtziger Zone

Marcel Hellers Karriere war fast vorbei, doch dann wechselte er zu Darmstadt 98 und kehrte zurück in die Bundesliga. Am Samstag schrieb er Geschichte.

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Darmstadt 98 ist so was von Achtziger. Marode Umkleideräume, grasbewachsene Stehtribünen, Kuttenträger auf den Rängen, Vollbärte auf dem Rasen – und die Duschen sollen nicht mal warmes Wasser geben. Die Geschichte haben wir in der Sommerpause etwa achtzehnhundertachtundneunzigmal gehört, und eigentlich sollte es jetzt endlich gut sein.

»Schneller, schneller, Marcel Heller«
 
Aber es ist wie so häufig: Egal, wie schnell Zeit rennt, die Realität holt uns immer ein – oder eben die Vergangenheit. Die Saison ist jedenfalls gerade mal einen Spieltag alt, da kann man gar nicht umhin, diese Geschichte wieder um ein Kapitel zu ergänzen. Der Grund: Marcel Heller. Ein Fußballer, der so schnörkellos und simpel spielt, als hätte ihn Heribert Faßbender erfunden. Der so schnell über das Feld sprintet, als sei er die beste Karte im Top-As-Autoquartett »Heiße Flitzer«. Und den die Fans mit einem solch altbackenen Schlachtruf (»Schneller, schneller, Marcel Heller«) besingen, der klingt, als hinge er seit der ersten Darmstädter Bundesligasaison 1979/80 am Fankurvenzaun. Neben einem Banner mit der Aufschrift: »Lilien vor, noch ein Tor«.
 
Dieser Marcel Heller also schoss am Samstag die ersten zwei Darmstädter Bundesligatore seit 33 Jahren. Bei einem Sprint, so errechnete der Sport-Informationsdienst, erreichte er einen Höchstwert von 34,1 Stundenkilometer. Zum Vergleich: In der Vergangenheit wurden in der Bundesliga nur bei André Hahn, Pierre-Emerick Aubameyang und Timo Werner Werte über 35 km/h gemessen.
 
»Die Szenen bin ich von ihm schon gewohnt, aber dass der Ball danach im Netz liegt, das war in der Vergangenheit eher selten«, sagte sein Trainer Dirk Schuster nach dem Spiel.
 
Auch deswegen verlief die Karriere des Marcel Heller nicht so, wie es Matthias Sammer prophezeit hatte. Dieser hatte den Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt 2007 öffentlich zur Verpflichtung von Marcel Heller gratuliert und dem damaligen U20- und U21-Nationalspieler eine große Zukunft vorausgesagt.

März 2010: Das Spiel seines Lebens
 
Aber Hellers große Zukunft funkelte nur einmal am Firmament. Das war im März 2010, als Eintracht Frankfurt gegen den FC Bayern in den letzten drei Minuten ein 0:1 in ein 2:1 umbog und Heller seinem Gegenspieler David Alaba in 90 stürmischen Minuten so komplizierte Knoten in die Beine spielte, dass selbst hochseeerfahrene Schotstek- und Palstek-Experten daran verzweifelt wären. Die »Frankfurter Rundschau« jubelte nach dem Spiel: »Das Spiel seines Lebens!«
 
Die Sache war nur: Danach gelang dem Offensivmann, mit Ausnahme des Bayern-Spiels, nicht mehr viel. Die Eintracht stieg ab, und Heller laborierte über ein Jahr an einer Rückenverletzung, die beinahe sein Karriereende bedeutet hätte.
 
»Da war ich schon kurz davor zu sagen: ›Hör auf, es hat keinen Sinn mehr.‹ Und als ich wieder zurückkam, war es schwer, reinzukommen«, sagte er vor vier Monaten in der »Frankfurter Rundschau«.
 
Es folgten Stationen in Dresden und Aachen. Zwischenzeitlich spielte Heller noch in Duisburg, doch weil er sich dort kritisch über die Klubführung äußerte, suspendierte ihn Trainer Peter Neururer.