Das eigenartige Wesen Stadionordner

»Na, was haben wir denn da?«

Großmütter nach Granaten abtasten und nichtsahnende Anhänger anmotzen. Warum sind Stadionordner eigentlich immer so schrecklich unfreundlich? 

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Es war vor ein paar Wochen beim Spiel gegen Hannover 96 im Berliner Olympiastadion. Ein Hertha-Anhänger hatte, um wenigstens ein bisschen bequemer auf dem engen Schalensitz zu hocken, seinen Fuß ein paar Zentimeter weit in den Aufgang gestellt. Sekundenbruchteile später spurtete bereits ein Ordner die Treppenstufen herunter und herrschte den Anhänger so grimmig an, als habe der über Stunden absichtlich auf der Autobahn die Rettungsgasse für einen Krankenwagen blockiert: »Aber ganz schnell den Fluchtweg freigeben, Freundchen!« Der Angesprochene zog sofort eingeschüchtert den Fuß weg, über den im Falle einer Massenpanik sicher hunderte Flüchtende gestolpert wären. Todesfalle Turnschuh! 

Und ich fragte mich wieder einmal, ob das eigentlich so sein muss: Dass Stadionordner grundsätzlich nur in schnarrenden Hauptsätzen mit den Anhängern sprechen dürfen. Dass sie auf Fragen nach dem Weg zur Toilette oder zum Gästeblock entweder unwirsch raunzen: »Hier jedenfalls nicht!« oder mit dem Finger eine undefinierbare Nord-Süd-Achse abschwenken. Und dass sie bei der Leibesvisite am Stadioneingang jeden zweiten Besucher so kräftig in die Waden zwicken, als hätten diese das Bein mit einer Machete geschient.

Den frisch polierten Morgenstern über die Schulter

Schon klar, die Jahre, in denen man einen frisch polierten Morgenstern über die Schulter baumeln lassen musste, um die Aufmerksamkeit der Ordner auf sich zu lenken, sind lange vorbei. Heute werden auch Großmütter und Schulanfänger nach mitgebrachten Eierhandgranaten abgetastet, und das beileibe nicht nur in den großen Stadien. In Zeiten, in denen bisweilen Leute mit Sprengstoffkutte zum Spiel kommen, ist das ja auch nicht ganz falsch, auch wenn ich als Selbstmordattentäter wahrscheinlich ziemlich beleidigt wäre, wenn ich mir in den letzten Minuten meines Lebens auch noch Heidenheim gegen Sandhausen oder gar ein HSV-Spiel ansehen müsste.

»Zugriff!« 

Trotzdem könnten Stadionordner zumindest hin und wieder ein bisschen freundlicher sein. Hier mal die zarte Andeutung eines Lächelns, dort mal ein Satz ohne knurrige Befehlsform, das wäre schon ein guter Anfang. Dabei kann man durchaus Verständnis für die notorisch schlechte Laune haben. Stunde um Stunde am Kassenhäuschen zu stehen und vollstrammen Anhängern zu erklären, dass sie ihr Ticket nicht zur Cohiba gerollt in den Scanner schieben können, da fingert man schon automatisch in der Hosentasche nach den Antidepressiva. Und am VIP-Parkplatz hochnäsigen BMW-Fahrern in Segeltuchhosen den Weg zum Buffet zu weisen, hebt auch nicht gerade das proletarische Selbstbewusstsein.

Und das ist alles noch nichts gegen den mit weitem Abstand sinnfreiesten Job im Stadion – nämlich im Innenraum mit dem Rücken zum Spielfeld zu stehen und grimmig ins Publikum zu starren. Man kann nur hoffen, dass zumindest diese Damen und Herren fürstlich für ihr Tun entlohnt werden, denn das ist ja eine Aufgabe, die vor allem vor dem Familienblock an Würdelosigkeit schlicht nicht zu überbieten ist. Was da wohl an die Zentrale gefunkt wird? Wahrscheinlich wird immer mal wieder atemlos ins Walkie-Talkie gebellt: »Hier ist eine Fanta umgekippt!«, in der Hoffnung, dass der Bereichsleiter endlich »Zugriff!« zurückfunkt. Und auch in den anderen Sektoren stellt sich doch die bange Frage, was die Aufpasser wohl machen würden, wenn tatsächlich einer von den Rängen aufs Spielfeld rennen würde? Wahrscheinlich erstmal die von der elenden Steherei komplett eingeschlafenen Beine massieren und dann ganz gemächlich den Bereichsleiter anfunken.