Das deutsche Problem

»Verbesserungen im Detail«

In ihren bisherigen vier Begegnungen hatte die Nationalmannschaft im Schnitt 63 Prozent Ballbesitz. Das ist der beste Wert aller 32 WM-Teilnehmer. Auch die Passquote (84 Prozent) ist herausragend gut - sie ist jedoch weniger Beleg für die Qualität des deutschen Offensivspiels als vielmehr Ausdruck seiner Schwächen. Der beeindruckende Wert zeugt vor allem vom mangelnden Risiko im Spiel nach vorne: weil eine Mannschaft, die häufig in die Breite oder nach hinten passt, naturgemäß auf eine bessere Quote kommen wird als eine, die entschlossen den Weg nach vorne sucht.

»Ballbesitz nur um des Ballbesitzes willen ist nicht viel wert«, sagt Urs Siegenthaler, der Chefscout des Nationalteams. Der Schweizer unterscheidet daher zwischen Ballbesitz und Ballprogression. »Der Ballbesitz muss kombiniert werden mit dem klaren Ziel, auch zum Abschluss zu kommen«, sagt er. »Wer im Ballbesitz ist, muss immer eine Idee haben, wie er sich schnell dem gegnerischen Tor nähern kann. Diese Art des Fußballs wird erfolgreich sein.«

Aber diese Art des Fußballs war von den Deutschen bei der WM bisher allenfalls in Ansätzen zu sehen. Das hängt auch mit dem System zusammen, das Joachim Löw seiner Mannschaft verschrieben hat, vor allem mit der Idee, die beiden Außenseiterpositionen mit defensiv denkenden Innenverteidigern zu besetzen. Dadurch, dass sie selten in die Spitze stoßen, fehlt für die Ballprogression eine wichtige Anspielstation in der Offensive - der tiefe Punkt auf Außen.

Als der Bundestrainer vor dem Achtelfinale gegen Algerien »Verbesserungen im Detail« ankündigte, hat er explizit das Spiel im letzten Drittel, den letzten Pass und die letzte Konsequenz im Torabschluss genannt. Gegen die Nordafrikaner gab es zumindest einen Moment, der ein bisschen an die WM in Südafrika erinnerte. Das war, als Torhüter Manuel Neuer mit einem schnellen Abschlag eine gute Konterchance für André Schürrle einleitete. Man konnte Neuers entschlossenes Eingreifen schon fast als Misstrauensvotum gegen seine Kollegen Feldspieler deuten. Damit das deutsche Spiel mal richtig schnell wird, muss der Ball über das deutsche Mittelfeld hinwegfliegen.