Das Amateurspiel meines Lebens (2)

Die Scheiße gemeinsam durchziehen

Zu Beginn liefen wir ins offene Messer, schnell stand es 2:0 für die Profis. Aber das Publikum spürte, dass wir nicht chancenlos waren. Borowka oder Bobic waren uns zwar körperlich überlegen, schirmten den Ball geschickt ab, ließen uns durch schnelle Körpertäuschungen aussehen wie eine Schülermannschaft. Aber wenn wir in Ballbesitz waren und schnell und trickreich spielten, liefen auch sie manchmal ins Leere.

So kämpften wir uns tatsächlich zurück, auf einmal führten wir sogar 4:3. Hatten sie uns unterschätzt? Oder war das ein Spielchen? Wollten sie uns ein wenig locken, um uns dann kurz vor Schluss den Todesstoß zu versetzen? Ich blickte in die Augen von Torhüter Stefan Brasas und Verteidiger Marco Rehmer. Und ja, da war doch eine gewisse Panik zu sehen, denn die Zeit rannte. »Schiri, wie lange noch?« – »Eine Minute!« Just in dem Moment nahm Bobic Maß, und der Ball zappelte im Netz, 4:4.

Ein Hammer vom Anstoßpunkt

Was nun? Auch mal abziehen? Ich hatte bei einem Spiel zuvor gesehen, dass der Ball beim Anstoß nicht zum Mitspieler gepasst werden muss. Man durfte auch direkt schießen – und das tat ich. Vermutlich habe ich einen Ball nie zuvor und nie mehr danach so perfekt getroffen. Er schoss wie ein Torpedo über das Spielfeld. Bernd »Dr. Hammer« Nickel, da bin ich mir heute noch sicher, hätte mir feierlich seinen Spitznamen überreicht, wenn er in der Halle gewesen wäre.

Noch heute sehe ich die Szene in Zeitlupe vor meinem inneren Auge ablaufen. Marco Rehmer, der sich zur Seite dreht. Stefan Brasas, der in die linke untere Ecke hechtet. Der Ball, der das Netz beinahe zerreißt. Jörg Heinrich, der die Hand hebt und zum Schiedsrichter schaut. Der Schiedsrichter, der den Kopf schüttelt und zum Anstoßkreis zeigt. Und schließlich Bobic. Fredi Bobic. Europameister 1996. Torschützenkönig 1996. DFB-Pokal-Sieger 1997. Deutscher Meister 2002. Fredi Bobic, der am Mittelkreis neben mir steht und murmelt: »Respekt!« 

Wir hatten die Scheiße gemeinsam durchgezogen

Was in den letzten Sekunden des Spiels geschah, weiß ich zu großen Teilen nur aus Erzählungen. Ein Zuschauer berichtete, dass wir das Tor feierten, als hätten wir die Champions League gewonnen. Ich erinnere mich dunkel an eine Jubelraupe und daran, dass wir in den letzten Sekunden des Spiels kreuz und quer über das Feld liefen. Dass Rehmer per Hacke traf und Bobic mit dem Hinterkopf. Dass sich Gieselmann beinahe die Hand brach, als er ein Geschoss von Borowka über die Latte lenken wollte. 50 Sekunden nach unserer Führung stand es 7:5 für die Profis.

In der Umkleidekabine sprach niemand ein Wort. Aber wir waren nicht niedergeschlagen und saßen aufrecht auf den Holzbänken. Wir hatten die Scheiße gemeinsam durchgezogen. Wie der HSV 1983. Als Uli Borowka in die Umkleide trat, stellte er sich vor uns und sagte: »Männer!« Und wir hoben die Daumen: »Gutes Spiel!« In diesem Moment waren wir alle gleich. Es gab keine Grenze mehr. Wir waren welche von ihnen. Den kernigen Typen. Den Männern, da war ich mir sicher, die noch nie in ihrem Leben so hart um einen Sieg kämpfen mussten wie heute. »Ja, war gut«, brummte Borowka, und dann nickte er anerkennend. Als er die Kabine wieder verließ, blickte ich auf seine neonfarbenen Turnschuhe und dachte, dass sie mir sicherlich auch gut stehen würden.