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HanseMerkur

Das Amateurspiel meines Lebens (2)

Golden Boys

In der Kreisklasse scheiterte unser Autor famos. Uli Borowka und Fredi Bobic brachte er hingegen an den Rande einer Niederlage. Leider glaubt ihm das bis heute niemand.

imago

Ich könnte an dieser Stelle von schlimmen Dingen berichten. Von meinen fußballerischen Anfängen als Torhüter und einem F-Jugend-Spiel gegen den SC Hinschenfelde, bei dem ich mir einen Ball selbst ins Tor warf. Von meinen späten Jahren als Stürmer und einem Kreisligakick, bei dem ich in der 93. Minute, Spielstand 0:0, den Ball aus zwei Metern am leeren Tor vorbeischoss, weshalb wir in die Kreisklasse abstiegen. Oder von dem Moment, als ich mir das Kreuzband riss, weil ich auf dem Weg zum Hamburger Volksparkstadion eine Coladose wegschießen wollte und dabei ausrutschte.
 
Aber heute soll es um eine der wenigen Sternstunden in meiner Amateurfußballlaufbahn gehen. Um den Tag, als wir gestandene Europameister, Deutsche Meister und Champions-League-Sieger an den Rand einer Niederlage brachten.

Such dir einen Seniorensport, alter Mann!

Es geschah vor fast genau zehn Jahren, im Winter 2007. Meine Fußballkarriere hatte ich wenige Monate zuvor, nach dem erwähnten Kreisliga-Fehlschuss, für beendet erklärt, und niemand versuchte mir die Entscheidung auszureden. Im Gegenteil. Die Signale der 20-jährigen Mitspieler mit ihren Superfrisuren und Superschuhen waren unüberhörbar: Lass die Jungen Fußball spielen, und such dir einen adäquaten Seniorensport, alter Mann! Ich zog also nach Berlin, holte meine alte Fila-Hose und das Dunlop-Racket aus dem Schrank und schleppte mich fortan einmal die Woche zur örtlichen Tennisanlage.

Eines Tages im Dezember 2007 fragte ein freundlicher Kollege aber, ob ich nicht mal wieder kicken wolle. Die 11FREUNDE-Betriebsmannschaft, so sagte er, benötige noch einen Spieler für ein Turnier in Spandau. Und ich sei doch mal ein ganz passabler Stürmer gewesen. Außerdem hätte für das Turnier ein Promi-Team aus ehemaligen Bundesligaprofis angekündigt. Ganz bestimmt, versprach er, würden auch einige Ex-Spieler des HSV, meiner Lieblingsmannschaft, auflaufen. Horst Hrubesch? Sicher! Manni Kaltz? Klar! Uli Stein? Natürlich! Ich sagte also zu.

»Auch mal abziehen!«

Es war ein übler Winter, die Temperaturen lagen über Wochen im zweistelligen Minusbereich. Als wir am Samstagmorgen um neun Uhr in Spandau ankamen, fühlte ich mich, als sei ich auf einer Polarexpedition. Der Nebel war so dicht, dass man nur die Umrisse der Halle erkennen konnte, und an unseren Nasen formten sich Eiszapfen. Wir kämpften uns durch den Schnee in die Umkleidekabine. Aus der Halle vernahmen wir das vertraute Gebell: »Stellen!«, »Der kann nix!«, »Immer der Fünfer!« In der Nase lag der vertraute Geruch von Männerschweiß, der in den Fugen und Wänden seit Jahren vor sich hin trocknete. Fünf Minuten vor dem ersten Spiel: Besprechung. Es ging um mögliche Formationen, das Für und Wider des Liberos und taktische Kniffe. Fazit: »Auch mal abziehen!«

Dann öffnete sich die Tür, und die Gespräche verstummten. Ein stattlicher Mann in weißer Daunenjacke, weißer Jeans und neonfarbenen Turnschuhe kam herein. »Jungs!« Er nickte jovial in die Runde, und wir nickten ehrfurchtsvoll zurück. Es war Uli Borowka, genannt »die Axt«. Ein paar Sekunden später erneut: »Jungs!« Nun blickten wir in die Gesichter von Marco Rehmer, Jörg Heinrich und Fredi Bobic. Männer, für die Sportkommentatoren früher das Adjektiv »kernig« benutzten. Gewinnertypen mit Gewinnerlächeln. Und klar, Turniersieger. So viel stand jetzt schon fest.

Goldene 11FREUNDE-Generation

In meiner bescheidenen Fußballkarriere bin ich mit meinen Teams bei Hallenturnieren stets in der Vorrunde ausgeschieden. Ich erinnere mich an Jugendturniere, E- oder D-Jugend, bei denen wir mit einem Torverhältnis von 0:30 nach Hause fuhren – nach zwei Spielen. An jenem Dezembersamstag 2007 in Spandau war aber alles anders. Man kann ohne Übertreibung sagen: Wir waren die Goldene Generation der 11FREUNDE-Betriebsfußballgeschichte. Dirk Gieselmann, die Katze, im Tor. Benjamin Apitius, das Auge, im Mittelfeld. Ich, nun ja, der Stehgeiger, im Sturm. Dann zwei, drei feingliedrige und pfeilschnelle Praktikanten. Doppelpässe, Übersteiger, Hackentricks, wir zauberten die Gegner förmlich auseinander. Ich war mir sicher: Wenn er zu uns hinüberschaute, musste Fredi Bobic unweigerlich an das Magische Dreieck aus VfB-Zeiten denken. Ein Mitspieler schoss sogar ein Tor per Fallrückzieher, die Halle johlte.

Im Halbfinale kam es zum Duell der Giganten. Wir gegen die Ex-Profis. Vor dem Anpfiff breitete sich eine beinahe gespenstische Stille in der Halle aus. So muss es vor dem Halbfinale zwischen Deutschland und Italien bei der WM 1970 gewesen sein. Wie sollte unsere Taktik aussehen? Fünf Mann auf die Torlinie? Römische Schildkrötenformation? Am Ende sprach wieder einer diesen schlauen Satz: »Auch mal abziehen!«