Darmstadts Fußballwunder

Das Wahre, Gute, Schöne

Darmstadt 98 ist die Antithese zu allem, was im modernen Fußball falsch läuft. Wer dieses Spiel liebt, muss auch die Geschichte des Lilien-Aufstiegs lieben.

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Als der Torjubel in Darmstadt versiegt und sich die Spieler auf ihre vorerst letzten 20 Minuten in der Zweiten Liga konzentrieren, stehe ich jubelnd in einer Eckkneipe, balle die Fäuste und wundere mich über mich selbst. Tobias Kempe, der soeben das 1:0 geschossen hat, löst sich aus der Umarmung mit Trainer Dirk Schuster, trabt zur Mittellinie, hinter mir fragt ein Kumpel verwundert ins diesige Licht der Kneipe: »Was ist denn mit dir los? Du hast doch mit Darmstadt gar nichts am Hut!«

Ich setze mich wieder und denke, dass er Recht hat. Mit Darmstadt 98 hatte ich wirklich nie etwas am Hut und wenn ich ehrlich bin, habe ich das immer noch nicht. Und dennoch fasst mich der Durchmarsch der Lilien wirklich an. Warum?

Darmstadt ist ein Fehler in der Matrix

Zwanzig Minuten später fließen am Böllenfalltor die Bierduschen. Die Spieler liegen sich in den Armen, Trainer Dirk Schuster kniet auf dem Rasen, der von den Fans gestürmt wird. »Uffstiech«, steht auf den Shirts, die sich die Kicker übergestreift haben, ihre Trikots haben längst ein paar glückliche Anhänger. Ich habe Gänsehaut. Darmstadt 98 hat ein Fußballwunder geschafft, von dem ich nicht mehr dachte, dass es möglich ist. Darmstadt ist nicht nur aufgestiegen, nicht nur durchmarschiert. Darmstadt ist ein Fehler in der Matrix.

Und was für ein wunderschöner. Die Mannschaft ist ein Haufen Ausgemusterter, die es anderswo nicht gepackt haben und für die der Verein mit dem kleinsten Zweitligaetat vor der Saison gerade mal 25.000 Euro an Ablösesummen hat zahlen müssen. Trainer Dirk Schuster hat aus diesen Rejects eine Mannschaft geformt, die den Gegner »auffressen will«, wie es Publikumsliebling Marco Sailer nach dem Spiel gegen St. Pauli auf den Punkt bringt. Sailer hat in der Jugend nie höherklassig Fußball gespielt, der Mann mit dem Bart ist nur durch das Darmstädter Kollektiv in den Profifußball gespült worden. Schuster hat es geschafft, die so unzeitgemäß gewordene Floskel von den elf Freunden wieder mit Leben zu füllen. Eine emotionale Mannschaft fußballerisch Limitierter, die ihre Kraft aus Zusammenhalt und Wille zieht und, wenn der Gegner schließlich aufgefressen ist, im Vereinsheim beim Bierchen zusammensitzt.