Darf man beim Fußball die Sau raus lassen?

Für mal die Sau raus lassen!

Contra
Lasst die Sau raus!

Sicher, vor Kindern die Mutter des gegnerischen Stürmers als Bezahldame zu verunglimpfen, ist nicht die feine englische Art. Über einen ganzen Block voller Hassgesänge anstimmender italienischer Halbstarker müssen wir uns deshalb nicht wundern. Aber ist es so verwerflich, dass es wenigstens einen Ort auf der Welt gibt, wo wir uns aus dem steifen Korsett der gesellschaftlichen Zwänge befreien können und sei es nur für 90 Minuten? Wo erwachsene Menschen einfach mal nach Herzenslust »Du blödes Arschloch!« brüllen können, ohne gleich vor Sicherheitsbehörden, Kollegen oder Freunden zu Kreuze kriechen zu müssen?

Nein, ist es nicht. Denn auch die Möglichkeit, bei einem Fußballspiel in einer Masse unterzutauchen und sich auf eigenes Verlangen wie der letzte Höhlenmensch zu benehmen, hat diesen Sport erst so groß gemacht. Früher wie heute strömen Menschen sämtlicher Gesellschaftsschichten ins Stadion und dürfen sich, weil sich unausgesprochen jeder Zuschauer darauf geeinigt hat, mal richtig auskotzen. Dann funktioniert der Fußball wie ein Ventil, dass überschüssigen Druck ablässt, um Explosionen zu verhindern.

Was ist gesünder? Stadion oder schneller Rausch?

Man stelle sich vor, die Leute würden den Frust der Woche auch beim Fußball in sich hineinfressen und in die nächste Woche übernehmen! Die Zahl hitziger Wortgefechte und unvorhergesehner Handgreiflichkeiten in den deutschen Büros und Fabriken würde dramatisch ansteigen. Wir dürfen auch nicht die vielen hunderttausend Menschen vergessen, die nicht im Stadion, dafür aber zu Hause vor der Glotze oder in der Kneipe mit dem inneren Schweinehund 90 Minuten lang Gassi gehen. So gesehen hat erst die Möglichkeit des Sau-raus-lassens eine pädagogische Wirkung auf den erwachsenen Fußballfan. Und so ein Ventil braucht nun einmal jeder, um nicht an den gesellschaftlichen Verpflichtungen und Prinzipien zu ersticken. Die einen machen Sport, und klappen beim Waldlauf zusammen. Andere saufen oder nehmen Drogen. Ein paar Idioten hauen sich sogar auf die Schnauze. Wir gehen zum Fußball. Was ist gesünder?

Bliebe noch die Sache mit den Kindern. Die Mutter des gegnerischen Stürmers als Bezahldame zu verunglimpfen ist auch nach Ansicht dieser Argumente nicht die feine englische Art. Blieben zwei Möglichkeiten. Erstens: Sich aus der ganzen Bandbreite deutscher Schimpfwörter an Ausdrücken zu bedienen, die zwar ihren Zweck erfüllen (Stichwort: Sau rauslassen), aber nicht in der untersten Schublade gefunden wurden. Zweitens: Sich am folgenden pädagogischen Klassiker zu bedienen, der auch beim Genuss von Alkohol, der Steuerung eines PKWs oder dem »So lange aufbleiben wie man will« zur Geltung kommt: »Das darfst du erst, wenn du erwachsen bist.«