Daran hapert es in Fußball-Deutschland

Sag mir, wo die Fummler sind

Nach dem Ausscheiden aller deutschen Teams aus der Champions League stellt sich eine ganze Fußball-Republik die Frage: Woran liegt es? Die Antwort ist relativ simpel. Die Lösung leider nicht.

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Kürzlich stellte der Deutsche Fußball-Bund seine Pläne für die Akademie des Verbands und seine generellen Überlegungen dazu vor, woran es eigentlich dem Fußball hierzulande zuletzt gefehlt hatte. Das war in der Tiefe durchaus beeindruckend, auch weil die Eingeständnisse der Fehlentwicklungen wenig beschönigend waren. »Der deutsche Fußball braucht eine Ausbildungsreform«, stellte etwa Oliver Bierhoff fest, der Direktor Nationalmannschaften und Akademie. Gemeint war damit die Ausbildung der Trainer aber vor allem die der Nachwuchsspieler. 

»Wir sind zu schematisch vorgegangen«, sagte Bierhoff mit Blick auf das Curriculum der Talentförderung. Junge Spieler seinen in den Nachwuchsleistungszentren zwar taktisch bestens ausgebildet worden, aber zugleich sei dabei die Fähigkeit abhanden gekommen, auf dem Platz etwas Ungewöhnliches, Unkonventionelles zu machen. Bierhoff forderte daher: »Trotz aller Systematik braucht es mehr Platz für Individualisten.«

Kreatives Chaos

Ein Ausdruck von Individualismus ist es, sich im Zweikampf mit Witz und Geschick durchzusetzen. Bierhoff hätte also auch sagen können: Es braucht mehr Dribbler und Fummler mit der Mentalität von Straßenfußballern. Dabei geht es nicht nur darum, dass es in guten Momenten einfach Spaß macht, solchen Spielern zuzuschauen. Gute Dribbler stehen gerade wieder besonders hoch im Kurs, weil sie die oft festgefahrenen Spielsituationen im Fußball aufbrechen, indem sie für kreatives Chaos sorgen. 

Wie sehr es daran hierzulande fehlt, geht aus einer aktuellen Erhebung des International Center for Sports Studies im schweizerischen Neuchatel hervor. Dort wurden die besten Dribbler aus den fünf Topligen in England, Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland ermittelt. Erfasst wurden Spieler, die zwischen Mitte Februar 2018 und Mitte Februar diesen Jahres mindestens 1800 Minuten gespielt hatten, bzw. 1500 Minuten in Deutschland. 

Ein Dribbling-Problem

Wenig überraschend führt Lionel Messi die Liste an, er bestritt alle 19,2 Minuten ein erfolgreiches Dribbling. Auf Platz zwei folgte Allan Saint-Maximin von OGC Nizza, dem das alle 19,9 Minuten gelang. An den Franzosen werden sich Anhänger von Hannover 96 vielleicht noch erinnern, denn dorthin war er 2015/16 mal für eine Spielzeit ausgeliehen. Bester aktueller Bundesligaspieler ist der Engländer Jadon Sancho von Borussia Dortmund auf dem sechsten Platz, der es als einziger in die Top 25 schaffte. Unter die besten 50 Spieler schafften es insgesamt nur sieben Bundesligaspieler, von denen aber keiner für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigt wäre. In der gesamten Liste gilt das nur für Leroy Sané von Manchester City.

Das bestätigt eindrucksvoll, dass der deutsche Fußball ein Dribbling-Problem hat. Erkannt ist es, aber bis die Kurskorrektur die erwünschten Folgen hat, werden wir uns noch etwas gedulden müssen.