Dantes Inferno

Der letzte Mann

Es sollte die Krönung einer Karriere werden, doch es wurde der düsterste Tag im Leben eines Fußballers. Im Aufeinandertreffen mit den Kollegen vom FC Bayern wird Dante zur Symbolfigur einer kopflosen Selecao. Tröstende Worte von Tim Jürgens.

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Als das Spiel endlich zuende war, stand Dante noch minutenlang dort, wo er sich ohnehin den ganzen Abend aufgehalten hatte. Am eigenen Sechzehner, den Blick ins Nirgendwo gerichtet. Der Einsamste unter den Auserwählten. Überall auf dem Feld lagen Brasilianer am Boden oder stützten die Arme auf die Oberschenkel. Die Trauer war noch von Fassungslosigkeit überlagert.

Als Erster nahm Bastian Schweinsteiger den Mann aus Salvador de Bahia in den Arm. Kurz darauf kam Thomas Müller dazu. Die drei Bayern-Spieler bildeten einen kleinen Kreis und hielten inne. Es sah vertraut aus. Wenn man nicht gewusst hätte, dass moderne Profiteams allenfalls Zweckgemeinschaften sind, man hätte meinen können, da hätten sich drei alte Freunde nach vielen Jahren zufällig wiedergetroffen. In der Tat mussten die zurückliegenden neunzig Minuten Dante wie eine Ewigkeit vorgekommen sein.

Das war eine Hinrichtung

1:7. Er war in einen Alptraum geraten. Noch nie in der Geschichte des Fußballs hatte eine brasilianische Nationalelf so viele Tore in einem Pflichtspiel gefangen. Einmal, in der Vorzeit 1920, war die Selecao bei der Copa America von Uruguay mit 0:6 vernichtet worden. Aber bei einer WM war Brasilien stets würdig aufgetreten. Auch die Trauer der Selbstmörder, die sich 1950 nach dem verlorenen WM-Finale von Brücken stürzten, resultierte nicht aus Scham über die Arroganz ihrer Mannschaft, sondern aus der Enttäuschung über die Niederlage in einem Spiel, das sie eigentlich gar nicht verlieren konnten. Der 8. Juli 2014 jedoch, ein lauer Tag im brasilianischen Winter von Belo Horizonte, war eine Hinrichtung.

Und ausgerechnet in diese Chaoswirren war Dante geraten.

Dabei mutete doch alles wie eine dieser wunderbaren Geschichten an, die der Fußball in guten Momenten schreibt. Thiago Silva hatte sich mit einer Übersprungshandlung für das Halbfinale gegen Deutschland disqualifiziert. Als der Schiedsrichter ihm Gelb zeigte, hatte die Bildregie Dante auf der Ersatzbank bereits erspäht und in den Fokus genommen. Er diskutierte mit den Kollegen, er lachte nicht wie sonst so oft, aber seine Freude über die unerwartete Chance, die sich nun bot, war sichtbar. Ein Happy End mit Zuckerguß für den sympathischen Innenverteidiger. Nun kam er doch zu seinem Einsatz bei der WM. Ausgerechnet gegen die Kollegen aus München, gegen Müller, Schweinsteiger, Lahm, Boateng und Kroos, deren Finten er besser kannte als jeder sonst im Kader. Die Krönung seiner Karriere. Ein Halbfinale für sein Land bei der WM in der Heimat.

Ein langer, entbehrungsreicher Weg liegt hinter Dante Bonfim Costa Santos. Daheim war sein Talent lange verkannt worden, es war eine Frage des Willens, dass er überhaupt den Sprung zum Profi schaffte. Von Brasilien nahm er den Umweg über französische und belgische Mittelklasseklubs, um mit Ende zwanzig, kurz vor Toreschluss, doch in der Startelf des FC Bayern zu stehen. Seit zwei Jahren aber klappt nun alles wie am Schnürchen. Triplesieger. Doublesieger. Berufung in den WM-Kader durch Papa Felipao.

Und jetzt das.

Schon in den ersten Minuten offenbarte das brasilianische Abwehrzentrum große Nervosität. Die Begeisterung der 50.000 Selecao-Anhänger legte sich wie ein warmer Mantel um das Estadio Mineirao, allein bei den brasilianischen Spieler sorgte die überbordende Euphorie wie Blitzeis für eine Schockstarre. Beim 1:0 durch Müller stimmte in der Abwehr nur die Zuordnung nicht. Als nur achtzehn Minuten später Sami Khedira zum 5:0 traf, grätschte Dante bereits wie in Trance, wie viele seiner Kollegen, nur noch verzweifelt ins Leere.