Dante am Ziel seiner Träume

Der Sambasoldat

Mit 30 Jahren ist Dante in Brasiliens WM-Kader berufen worden. Das filmreife Happy End einer entbehrungsreichen Laufbahn.

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Das Werbefernsehen hat schon so manchen Prominenten zu Stilblüten verleitet. Aber dass Dante sich vom Media Markt nötigen ließ, mit Spielzeugtrommel und Trillerpfeife Karneval zwischen tristen Verkaufsregalen zu feiern, ist schon ein bizarres Stück TV-Geschichte. Zumal der Kicker am Ende dieses zweifelhaften Spektakels doch tatsächlich bekräftigen muss, dass er nicht blöd sei. So wie Dante stellt sich der mediokre Hipster von heute also den Prototyp des Brasilianers vor. Als Gute-Laune-Bär mit Rhythmus im Blut, als Bruder Leichtfuß, der kein Wässerchen trüben kann. Der via What’s App Videos mit Kinderliedchen an die Kollegen verschickt. Bei dem auch dem FC Bayern nichts Besseres einfällt, als die Nachricht zu seiner Vertragsverlängerung mit den Worten einzuleiten: »Beim FC Bayern gibt’s weiterhin Samba.« Damit auch der Letzte kapiert: Wo dieser Dante auftaucht, da sprühen die Funken, da sind Lebensfreude und Paaarty.

Ein bemerkenswertes Image für einen kompromisslosen Innenverteidiger, der sich bei Bedarf nicht zu schade ist, auch die linke Abwehrseite zu beackern. Der Fußballer Dante reiht sich in eine große Tradition: Schließlich waren es – abgesehen von Giovane Elber und Paulo Sergio – selten die brasilianischen Feingeiste, die in der Bundesliga reüssierten, sondern meist die assimilierten Defensivkräfte mit dem preußischen Arbeitsethos: Jorginho, Lucio, Dunga, Júlio César, Dedê, der späte Zé Roberto. Kampfschweine, aber auch Grübler, mitunter mit leicht esoterischem Einschlag. Einen Caipirinha-­Kicker mit dem Charisma des Dante Bonfim Costa Santos fand man in diesem Reigen aus opferbereiten Soldaten bislang aber noch nicht.

»Du musst jeden Tag 500 Löwen in dir töten«

»Auf dem Platz ist er ein Deutscher«, lobt Jupp Heynckes, »außerhalb Brasilianer.« Unter der Anleitung des Trainerveterans spielte sich Dante ab 2012 in die Stammelf des FC Bayern, wobei er zunächst von einer Verletzung David Alabas profitierte und später langfristig den Rekonvaleszenten Holger Badstuber ersetzte. Mit Genugtuung nahm Heynckes zur Kenntnis, wie abrupt die Rhythmen verstummten, die wie ein Soundtrack das Leben des passionierten Pandeiro- und Cavaquinho-Spielers zu unterlegen schienen, wenn Dante auf den Rasen trat. Gleich in seiner ersten Bayern-Spielzeit gewann er alle denkbaren Titel. Und mit seiner tragenden Rolle beim Triple drangen seine Qualitäten nun endlich auch zu Seleção-Boss Luiz Felipe Scolari durch, der ihn Anfang 2013 im biblischen Alter von 29 Jahren in den Kader berief.

Die Disziplin, die sich der Charmebolzen mit der Hendrix-Mähne beruflich auferlegt, sind Folge einer Karriere, die lange von Zurücksetzung geprägt war. Es ist kein Geheimnis, dass Dante – den sie daheim »Daaantsch« aussprechen – nicht über das Talent seiner begnadeten Landsleute verfügt, die schon in jungen Jahren von Weltklubs umgarnt werden. Als sich auf dem Bolzplatz die Kumpels vorm Tor des Gegners drängten, um mit ihrer Ballfertigkeit zu prahlen, stellte er sich klaglos hinten rein. Dante wurde bewusst, dass er mehr leisten musste als die Kollegen und ihn nie der direkte Weg an sein Ziel führen würde. Sein Vater, ein Kunstrestaurator, der die Familie verließ, als Dante gerade zwei Jahre alt war, gab ihm mit auf den Weg: »Du musst jeden Tag 500 Löwen in dir töten.« Anfangs reichte es noch, uneitel hinten die Drecksarbeit zu machen, im weiteren Verlauf seiner Karriere brauchte er dann weit mehr Durchhaltevermögen.