Cristiano Ronaldo vs. Lothar Matthäus – ein Selbstversuch

Mein Vorbild: Matthäus, sein Vorbild: Ronaldo

Ich trainierte, um so zu schießen wie Lothar Matthäus. Oder Andy Brehme. Oder Thorsten Legat. Oder Jörg Albertz. Leicht schräger Anlauf, Körper drüber, idealerweise mit der linken Seite des rechten Spannes erwischt und gib ihm. Die von mir getretenen Bälle sollten keine Kurve fliegen, ich war erst zufrieden, wenn sie gerade wie ein Strich knapp unter der Latte oder knapp neben dem Pfosten einschlugen. Ein Strahl.

Der Junge auf dem Bolzplatz in Berlin dürfte andere Vorbilder (gehabt) haben. Vielleicht kennt er Andy Brehme und Lothar Matthäus noch, aber für ihn dürften sie so weit weg sein, wie damals für mich Paul Breitner oder Gerd Müller. Die Vorbilder eines normalen 13-Jährigen heißen Cristiano Ronaldo oder Marco Reus. Fußballer, die den guten alten Strahl für so ausrangiert halten dürften wie den Libero (dem ich übrigens ebenfalls noch immer hinterher trauere). Schussspezialisten, die es für eine Kunstform halten, wenn sie den Ball so treten, dass er Kurven fliegt. Dafür laufen sie anders an, dafür halten sie den Körper anders, dafür treffen sie das Spielgerät mit einer anderen Stelle am Fuß.

Dann traf ich den Ball perfekt

So fühlt es sich also an, wenn man sich alt fühlt. Eigentlich, dachte ich, werde ich das an grauen Haaren, schlechten Augen oder kaputten Knien merken. Und nicht auf dem Bolzplatz. Ich bin zwar erst 29. Aber zwischen mir und dem 13-Jährigen liegen Fußball-Welten.

Eine weitere Regel meiner Meditationsübung mit Ball ist folgende: Ich darf den Platz erst verlassen, wenn ich das eine, das wunderbare, das spektakuläre Tor geschossen habe, über das ich mich noch freuen kann, wenn ich später unter der Dusche stehe. Also versuchte ich mein Glück. Wieder und wieder und wieder.

Neben mir versuchte sich der Junge. Sein Ball machte tatsächlich eine Kurve, wie bei Cristiano Ronaldo, setzte im Fünf-Meter-Raum auf – und kullerte gegen den Pfosten.

Dann traf ich den Ball perfekt. Man spürt das sofort, wenn sich Ball und Schuh an exakt der richtigen Stelle und mit der richtigen Energie treffen. Eine kleine Vibration geht dann durch den Körper, dem Raunen in einem Fußballstadion nicht unähnlich. Der Ball flog aufs Tor zu. Ich wusste, wo seine Reise enden würde. Genau im Winkel. Ein Strich. Ein Strahl. Lothar Matthäus wäre stolz gewesen. Ich konnte nach Hause gehen.