Cristiano Ronaldo – eine Empörung

Der Über-fucking-Mensch

Man schaltet den Fernseher ein und sieht IHN. Man schaltet ab, fährt durch die Stadt und sieht IHN. Man fährt zurück nach Haus, versteckt sich im Bett und sieht IHN. Cristiano Ronaldo. Neidfigur. Hassfigur. Kind unserer Zeit.  Cristiano Ronaldo – eine Empörung
Ich fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit und dachte an Günther Schäfer. Morgen spielt Stuttgart gegen Leverkusen, dachte ich, es ist die Neuauflage jenes Spiels von 1992, in dem »Günne« mit einer Fluggrätsche einen Ball von der Linie kratzte und dem VfB die Meisterschaft rettete.

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Ein Fallrückzieher, sonst das Kabinettstückchen der Reichen und Schönen, in diesem Fall wandte der Verteidiger es an, um zu zerstören, die Chance, das Gegentor, sich selbst. Die Karabinerhaken, in denen Ditmar Jakobs vom HSV drei Jahre zuvor seine Karriere gelassen hatte, sie waren »Günne« egal, er klärte in höchster Not und ohne Rücksicht auf sich selbst, dafür lieben sie ihn am Neckar heute noch. Es gibt sogar ein Bier mit einem Bild von der Rettungsaktion auf dem Etikett.  

Bier, dieses grundehrliche Getränk, dachte ich, es schmeckt nach flüssigem Holz, dem Metall des Karabinerhakens, eine Note Rasen, und schäumt noch im Schnauz des Vorstoppers. Zisch! Einer wie »Günne« hat sich den Schluck aus der Pulle verdient, ich würde gern mal mit ihm anstoßen, dachte ich gerade, was man halt so denkt, wenn man zur Arbeit fährt.

Doch da wurde mein morgendliches Gedankenidyll so jäh zerstört wie seinerzeit die Tormöglichkeit der Leverkusener. Ich fuhr an einer Litfaßsäule vorüber, darauf zwei Plakate: Oben Megan Fox, berühmt geworden als... ja, gut, äh: Megan Fox, im aufgeknöpften Jeanshemd. Man kann Soft-Pornografie im öffentlichen Raum finden, wie man will, dachte ich. Angenehm für einsam an Ampeln wartende LKW-Fahrer ist sie allemal, wenn nur die Rot-Phase lang genug ist. Darunter aber, und das ist indiskutabel, ein halbnackter Mann, nein: ein Lachs. Ein Gecko? Mann, Lachs, Gecko, alles zugleich, ein Fabelwesen: Cristiano Ronaldo.  

Autoerotismus, kurz vor seiner Vollstreckung

Grotesk aufgepumpt, eingeölt, lüstern, prangte der Portugiese mir entgegen wie ein Denkmal der Billigkeit, die sich für edel hält. Was wollte er von mir? Nichts: Mich auf einem Dreigang-Fahrrad durch die Gegend atzenden Niemand sah er ja gar nicht an, er blickte durch mich hindurch, hinein in eine nicht vorhandene Ferne, hinauf zum Olymp, und schien zu sagen: »Weil niemand weit und breit so geil ist wie ich, vernasche ich mich einfach selbst. Genial!«

Autoerotismus, kurz vor seiner Vollstreckung aufs Plakat gebannt, da kann man schon mal in den Graben fahren vor Schreck und Wut. Wo ist Günther Schäfer, dachte ich, wenn man seine Notgrätsche am meisten braucht? Ich trat in die Pedale, den richtungslosen Schlafzimmerblick der auf sexy machenden Amphibie im Nacken, und floh, so weit ich kam.   

Doch an der nächsten Straße das Gleiche: Dingsbums Fox und der straffgewebige Faun. Für wen oder was warb er da überhaupt? Eine Modefirma hatte ihren Namen unter das Foto montiert, doch das einzige Stück Stoff war eine zum Zerreißen mit Tennissocken ausstaffierte Unterhose. »Sein bestes Stück soll so gut ausgestattet sein wie sein Ego«, erfährt, wer will, auf bild.de unter der Überschrift »69 Sexfakten über Cristiano Ronaldo« – und weiter: »Studentin Naya vergleicht es sogar mit einer Familien-Pizza.«   

Da vergeht einem der Appetit auf so ziemlich alles. Was für eine Scheißwelt, dachte ich. Und Cristiano Ronaldo ist ihr Über-fucking-Mensch. Die miesen Einflüsse des Sensationsjournalismus, der Nacktheit zur Nachricht macht und Schamlosigkeit mit Charisma verwechselt, des modernen Schönheitsideals, das uns in Selbstbräuner gefallene Clowns als »die neuen Männer« unterjubeln will, des Videokanals »youtube«, auf dem Einzelaktionen aus dem taktischen Zusammenhang gerissen und zu Best ofs mannschaftsvergessener Egodribbler montiert werden, der frühen Millionen, der apotheotischen Hysterie in Madrid, der Partys mit Paris Hilton, des Blingblings, des Champagners aus fliederfarbenen Fußballschuhen – sie haben Ronaldo zu dem Megalomanen gemacht, als der er uns all überall entgegenpenist.

Schüsse wie Ejakulationen

Er mag ein hervorragender Fußballer sein, doch darüber legt sich die klebrige Panade der Inszenierung, sein John-Wayne-Anlauf bei Freistößen, die geblähten Nüstern, Schüsse wie Ejakulationen. Fußball soll zum Hinschauen sein – aber bei Ronaldo fühlt man sich stets wie ein Spanner.

Ihm macht es nichts aus, im Gegenteil: Er zeigt sich allzu gern, nun auch mit getoastetem Teint und sich abzeichnendem Genital tausendfach im Stadtbild. Regt einen das so auf, weil man neidisch ist? Auf die stählerne Figur? Den Reichtum? Den so genannten Erfolg bei so genannten Frauen?

Ja, vielleicht, der eine oder andere von uns, manchmal, verdammt. Auch deshalb freut man sich derart mit Lionel Messi: Weil da einer nun unumstößlich der beste Fußballer der Welt ist, der so aussieht wie du und ich. Und endlich nicht mehr »der da oben«, Cristiano Ronaldo, der immer nur fragt: »Wer seid IHR denn schon, ihr Würmer?«   

Verachtung, Fremdscham, Neid und die Scham, neidisch zu sein. All das empfindend, kam ich schließlich im Büro an. Günther Schäfer und Cristiano Ronaldo: beides Fußballer, dachte ich. Meine Oma und Megan Fox: beides Frauen, dachte ich. Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich. Vielleicht war es gar nicht dieser Typ da auf dem Plakat, der mich so empört hatte, sondern vielmehr, dass ich nicht mehr weiß, was genau das eigentlich sein soll: »Menschen«.