Christoph Daum vs. Uli Hoeneß im Sportstudio

»Donnerstag ist dein Weg zu Ende«

1989 dauerten Schwergewichtskämpfe noch länger als eine Runde. Achtzehn Minuten duellierten sich Uli Hoeneß, Jupp Heynckes, Christoph Daum und Udo Lattek im Sportstudio. Aus gegebenem Anlass: Das Protokoll des Showdowns.

1989: Daum vs. Hoeneß im SportstudioYouTube

Am 20. Mai 1989 treffen im »Aktuellen Sportstudio« der Trainer des 1. FC Köln, Christoph Daum, und »Sportbild«-Kolumnist Udo Lattek auf die Vertreter des 
FC Bayern, Trainer Jupp Heynckes und Manager Uli Hoeneß. Es ist der Höhepunkt eines medialen Duells. In den Wochen zuvor haben sich die Kontrahenten mit erstaunlicher Härte bekriegt. Die Stimmung ist aufgeheizt, kurze Zeit später treffen die Rivalen um die Meisterschale am 31. Spieltag in Köln aufeinander. 

Außer dem Moderator Bernd Heller tragen alle Anwesenden dunkle Anzüge oder Pullover. Er sticht mit einem cremefarbenen Zweiteiler hervor. Beide Trainer kombinieren weiße Socken mit schwarzen Slippern und Hochwasserhosen. Das Requisitenteam des ZDF hat viele kleine Fußbälle über der Talkrunde aufgehängt, die über den Geladenen zu schweben scheinen. Das Gespräch, das immer wieder von Zwischenrufen und lautem Gejohle aus dem Publikum unterbrochen wird, beginnt.



Heller: »Ja, nun sind wir also mittendrin. Vier Wochen sind es noch bis zur Meisterschaftsfeier. 
Und ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass Sie beide, Christoph Daum und Uli Hoeneß, 
in einem Fernsehstudio bei den Kollegen von Bayern3 waren und da haben sie sich gegenseitig zur Meisterschaftsfeier eingeladen. Christoph Daum, Sie waren ja heute am Flughafen, 
haben Sie das Ticket nach München heute schonmal rein vorsorglich gekauft?«

Daum: (unbeeindruckt) »Ja, für den Uli Hoeneß, damit er nach Köln kommen kann.«

Publikum johlt zustimmend, klatscht, pfeift, Hoeneß schmunzelt gequält

Hoeneß: (hält Aufzeichnungen auf Papier in den Händen) »Aber, ich geh’ mal davon aus, 
dass du das Ticket nicht für den 17. Juni gebucht hast, denn da werden wir ein großes Fest 
in München machen!«

Leichtes Raunen in den Zuschauerreihen, vereinzeltes Beifall-Klatschen, die Sympathien sind auf Daums Seite

Heller: »Aber mal im Ernst gefragt, (erster Zwischenruf an Hoeneß aus dem Publikum, unverständlich) mal im Ernst gefragt Christoph Daum, nun stand das heute ja sehr auf der Kippe, was geht denn in Ihnen in diesem Moment vor: Hannoveraner führen 2:1, drei Minuten vor Schluss.«

Daum: »Ja ich glaube schon, dass die Dinge, die einen Fußballtrainer – unabhängig jetzt von mir auch, glaube ich, bei anderen Mannschaften – in manchen Situationen bewegen, kaum mit Worten zu beschreiben sind. Das ist ein Gefühlsbad, wo ich glaube, wir noch neue Superlativen entwickeln müssten, um das mal zu verdeutlichen. Also, ich muss auch sagen, dass natürlich heute, in einer solchen Situation, es erstmal kurzfristig zum Herzstillstand kommt. Dann überlegt man sich: ›Was für ’ne Chance hast du jetzt noch?‹ Und eigentlich ist mir das so eigen, dass ich dann mit dem Optimismus und mit dem Enthusiasmus dann nach vorne gehe, ich hab’ gleich noch einen Auswechselspieler mitgebracht, einen neuen Spieler reingebracht, und habe dann versucht, eben, in den letzten sieben Minuten, mit dem entsprechenden Engagement von der Linie aus, noch die Mannschaft mit zu unterstützen. Und ich muss sagen, da hat sie eigentlich wieder das gezeigt, was eigentlich, (verhaspelt sich beinahe) was eigentlich, äh, den 1. FC Köln so interessant jetzt wieder gemacht hat, nämlich: Eine Riesen-Moral dieser Mannschaft. Und ich glaube auch, dass diese Moral ausreicht, um die Bundesliga bis zum letzten Spieltag entsprechend interessant zu halten. Und ich glaube, dass wir uns da noch auf einige Überraschungen gefasst machen können.«

Heller: »Jupp Heynckes, können Sie das Gefühl, das Christoph Daum in seinem Bauch heute erlebt hat, nachempfinden. Haben Sie das auch schon gehabt?«

Das ZDF blendet einen Splitscreen ein. Links sieht man Daum, rechts daneben den antwortenden Heynckes

Heynckes: »Ich glaube, dass wir Trainer das Woche für Woche mitmachen, weil … äh … Nicht nur, wenn man jetzt wie wir zwei im Kampf um die Meisterschaft stehen, sondern, ich glaube, dass besonders auch die Trainer betroffen sind, die im Abstiegskampf sich befinden. Das ist genau richtig. Ich erlebe das im Moment ähnlich. Man freut sich, man geht mit der Mannschaft mit. Wir haben heute wieder gesehen, dass man mit einem Auge bei der eigenen Mannschaft sich befindet, also zuschaut. Und mit dem anderen Auge auf die Anzeigetafel, und das weiß ich: Aus Kölner Sicht war es am letzten Wochenende ähnlich so. (Daum schmunzelt) Und ich glaube, dass auch ich der Meinung bin, dass der Kampf sich um die Meisterschaft bis zum letzten Spieltag hinauszieht. Und ich bin auch überzeugt, dass wir das sind, die nach letztendlich (auch er ringt mit der Flut seiner Worte) die Nase vorn, vorne haben.«

Heller:
 (zunächst beschwichtigend, dann Fahrt aufnehmend) »Gut. Um bei dem Gefühl zu bleiben: 
Ist das die letzte Gemeinsamkeit zwischen Jupp Heynckes und Christoph Daum? Oder, anders gefragt: Haben Sie sonst noch irgendwelches Verständnis für das, was Christoph Daum in den letzten vier, sechs, sieben Wochen gedacht hat, gesagt hat, hat verlautbaren lassen, 
häufig an ihre Adresse gerichtet?«

Heynckes: (holt tief Luft) »Na, grundweg muss ich da erstmal zu sagen, dass er sich jetzt in der letzten Zeit, sich etwas moderater mir gegenüber verhält. (Wird etwas aktiver, gönnt sich jetzt auch Mimik und Gestik) Was ich ganz stark kritisieren muss, das ist, dass er vor vier, sechs Wochen mich massiv beleidigt hat. Dass er, äh, über die Medien – und das ist etwas, 
was bisher in der Trainerbranche, meines Erachtens, ein Novum darstellt - in der Form, 
wie er mich beleidigt hat, dass das bisher noch nie dagewesen ist. (Daum hört in einer Mischung aus stoischer Ruhe und Spitzbübigkeit ruhig zu) Und ich muss sagen, nicht dass ich darauf empfindlich reagiere, sondern, wenn er, zum Beispiel, wie er es jetzt in der letzten Zeit gemacht hat, die Bundesliga PR-mäßig anheizt, seine Mannschaft nach vorne peitscht; das ist Alles zu akzeptieren. Aber so, wie er mich unterhalb der Gürtellinie getroffen hat, ich glaube, das ist nicht zu akzeptieren und (an Daum gerichtet) das werde ich auch nicht vergessen.«

Zögerlich einsetzender Beifall, der dann noch ordentlich ist. Daum hebt fordernd den Zeigefinger, 
deutet fordernd auf sich selbst.

Heller: »Moment. (Möchte Hoeneß das Wort erteilen, sieht im Augenwinkel aber Daums wippenden Zeigefinger) Gleich, Uli Hoeneß!«

Daum: »Ja, ich kann dazu natürlich sagen, dass die Bayern für sich natürlich immer in Anspruch nehmen, so, die Höhe der Gürtellinie zu beurteilen, auch, wie sie einige andere Dinge beurteilen. (Zustimmender Jubel des Publikums, einzelne Lacher, Beifall) Und ich habe eigentlich diese Diskussion schon einmal geführt, mit Uli Hoeneß im Bayrischen Rundfunk. Und wir haben eigentlich dort uns geeinigt, dass die Dinge, die verlautbart worden sind von mir, eigentlich in einem Bereich sind, der durchaus vertretbar ist. Das heißt also, dass die Dinge, die Jupp Heynckes anspricht, für mich gar nicht existent sind. (Heynckes hebt etwas überrascht die Augenbrauen) Denn, ich wiederhole auch gerne die Dinge, die ich gesagt habe, zu denen ich auch stehe. Und ich glaube, man sollte sich jetzt hier in diesem Geschäft nicht irgendwie, sagen wir mal, so dünnhäutig zeigen, dass man eben daraus, nachher, gleich eine Weltanschauung macht. (Heynckes Augenbrauen sind wieder unten) Denn ich glaube, letztendlich, ist in diesem Geschäft es notwendig, (an Heynckes gewandt) dass wir auch, äh, 
in einer gewissen Art und Weise etwas einstecken können.«

Heller: »Wir wollen es gar nicht auf ein so hohes Niveau bringen, mit Weltanschauung, ich glaube, 
es geht um ganz konkrete Sachen dabei. Es gibt ja Punkte, die sitzen tief. Oder besser gesagt: Es gibt Wunden, die sitzen noch tief, Jupp Heynckes. Oder ich weiß nicht, ob Sie jetzt antworten wollen oder Uli Hoeneß?«

Hoeneß (springt in den Ring) »Ja, ich habe mir doch mal Gedanken gemacht. Das letzte Mal in Bayern3 war ich leider nicht so gut vorbereitet. In der Zwischenzeit hatt’ ich Zeit genug, das mal zu recherchieren. (Hoeneß ist stolz und freut sich, an Daum gewandt) Jetzt les’ ich dir mal bisserl was vor. (Hoeneß in bester Pastor-Manier, die Sünden vortragend) Du hast über Jupp Heynckes gesagt: ›Der könnte auch Werbung für Schlaftabletten machen.‹«

Daum:
 (zeigt keine Reue) »Richtig.«

Hoeneß
 (lässt sich nicht stoppen) »Du hast über ihn gesagt: ›Wenn einer so dünnhäutig ist, hat er hier nichts zu suchen. Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Heynckes.‹«

Daum:
(nickt manisch) »Richtig.«

Hoeneß: »Das ist alles ok. Jetzt aber kommt der entscheidende Punkt.«

Hoeneß wird von Daum und dem Publikum unterbrochen.

Daum: »Da stehe ich auch zu.« 

Publikum klatscht Beifall, einzelne zustimmende Rufe, Daum hustet. 

Hoeneß: (versucht der Lage Herr zu werden) »Jetzt kommt der entscheidende Punkt.«

Daum: (bekräftigt, scheint dabei gelassen bis unbeteiligt) »Da stehe ich auch zu. Das sind auch die Dinge, die ich sag, und da steh ich auch zu.«

Hoeneß: (insistiert) »Und jetzt kommt der entscheidende Punkt: ›Nach dem Sieg über Inter Mailand ging’s ihm mal für ein paar Stunden besser. Da war eine Hirnwindung mehr durchblutet. Im Grunde genommen ist er völlig kaputt. Und jetzt, Moment, … (Daum versucht Hoeneß zu unterbrechen) lass mich bitte ganz ruhig … «

Hoeneß und Daum versuchen sich im Parallel-Reden

Daum: »Nein, ich kann dich gar nicht aussprechen lassen. Weil, wir haben in Bayern3 genau dieselbe Situation gehabt. Und da hast du schon mal versucht, die Sache zu bringen.«

Hoeneß: »Du hast in Bayern3, nein, du hast in Bayern3 gesagt, nein, das hast du nicht gesagt.«