Chile, Gastgeber der Copa America 2015

Der Trainer tourte durch Europa – und schlief auf der Straße

Den 55-Jährigen kann man getrost als Fußballverrückten bezeichnen und selbst das klingt noch wie eine Untertreibung. Er schläft wenig, steht um fünf Uhr morgens auf und verbringt viele Stunden mit taktischer Analyse, Videostudium und Trainingsvorbereitung.

Doch das war nicht immer so. Sampaoli kickte als Jugendspieler bei Newell's Old Boys aus dem argentinischen Rosario. Ein Schien- und Wadenbeinbruch zwang ihn im Alter von 19 Jahren zum Karriereende. Damals schwor Sampaoli dem Fußball ab. Er wurde Bankangestellter.

Pure Obsession

Erst Marcelo Bielsa brachte ihn zurück zum Fußball. Als dieser Newell’s Old Boys Anfang der neunziger Jahre trainierte, entschied sich auch Sampaoli für eine Karriere an der Seitenlinie – und tut dies seitdem mit purer Obsession. Als Amateurtrainer tourte er durch Europa, besuchte Profimannschaften in Spanien oder Italien. Er gab sein letztes Geld für diese Studienreise statt für Nahrung und Schlafplätze aus. So manche Nacht in Europa verbrachte er deshalb auf öffentlichen Plätzen.

Die Opfer zahlten sich aus. Über diverse Stationen in Peru und Chile landete er 2011 beim Renommierklub Universidad de Chile. Dort ließ der kleingewachsene Glatzkopf, der gerne mal als Animateur in der Coaching Zone fungiert, diese Art von aggressivem Pressingfußball spielen, der nun bei der Nationalmannschaft zu sehen ist.

Samapoli geht allerhöchstes Risiko: Teilweise sichern nur zwei Verteidiger an der Mittellinie ab. Alle anderen sind im totalen Jagdmodus. Damit feierte er schon bei »La U« einige Erfolge. Neben drei Meisterschaften in der chilenischen Primera División holte er die Copa Sudamericana 2011. Der erste internationale Titel für einen Klub Chiles seit zwei Jahrzehnten.

Näher an Guardiola

Aber nicht nur Bielsa, den er bis ins letzte Detail studierte, ist ein Vorbild für Sampaoli. »Ich bin jetzt näher an Guardiola«, sagte er vor kurzem. Die Ideen des Bayern-Trainers in puncto Ballbesitzfußball und Positionsaufteilung imponieren Sampaoli. Trotzdem wird er keinesfalls die Identität der Chilenen opfern. Ihre unbändige Intensität werden die Gegner auch bei der nun anstehenden Copa América auf chilenischem Boden zu spüren bekommen.

Mit temperamentvollen Fans im Rücken schalten die Kicker von »La Roja« einmal mehr in den Angriffsmodus. Anführer Gary Medel wetzt schon die Messer, wenn es gegen die Neymars und Messis geht.

----
HIER geht es zum Spielplan der Copa America.