Chelseas Rückkehrer Nemanja Matic

Jesus liebt ihn

Wenn Schalke heute Abend beim FC Chelsea gastiert, wird der wichtigste Mann des Gegners wieder den kleinsten Namen tragen. Der Serbe Nemanja Matic ist auch bei seinem zweiten Anlauf auf der Insel wenigen ein Begriff, aber besser als je zuvor. Die Geschichte einer Rückkehr.

imago images

Bisweilen haben sich namhafte Stadien ihre entlegenen Ecken bewahrt. Die Stamford Bridge etwa, Heimspielkulisse des englischen Spitzenklubs FC Chelsea, kann mit Reihe 23 der West Stand aufwarten. Wer dort Platz nimmt, wähnt sich zwischen Spinnweben und Vogelkot im Set eines »Indiana Jones«-Filmes und vergisst das rauschhafte Premier League-Treiben, die Finanzvolumina der Ära Abramowitsch und die Fehden von Chelsea-Trainer José Mourinho leicht. Die Reihe 23 der West Stand nennen sie auch die »vergessene Reihe«.

Ein paar Meter unter ihr spricht Nemanja Matic im Februar 2014 in eine Fernsehkamera. Der Serbe erklärt, warum seine Rückkehr zum FC Chelsea nicht mal eine Entscheidung war. »Ich habe eine Minute mit meinem Berater telefoniert«, sagt er. »Dann war es klar.« Grinsen vor Reihe 23. Die Szenerie ist natürlich bewusst gewählt, weil sie von symbolischem Wert ist. Seit jenem Tag ist Matic der entlegenen Ecke des Chelsea-Kosmos entronnen.

Chelsea sah Potential, Matic kaum das Feld

Auf das Drängen ihres damaligen Sportdirektors Frank Arnesen hin holten die Blues Matic 2009 aus dem slowakischen Kosice nach Westlondon. Wenige Wochen zuvor hatte der Mittelfeldmann aus der Talentschmiede von Roter Stern Belgrad zwar eine auffällige U21-Europameisterschaft gespielt, aber auch vergeblich beim Zweitligisten Middlesbrough zur Probe trainiert.

Chelsea sah sein großes Potential, Matic kaum das Feld. Nach einer viermonatigen Verletzungspause kam der blasse Junge im Mittelfeld um Frank Lampard, Michael Essen und Michael Ballack auf ganze 43 Spielminuten. Die späten Einwechslungen beim 4:0 gegen Wolverhampton und 8:0 über Wigan wirken rückblickend eher wie Seelenbalsam denn Vertrauensbeweise des Vereins, Matic war in die vergessenen Reihen des Kaders gerückt.

Arnesen parkte ihn im Spätsommer 2010 bei Chelseas Farmteam Vitesse Arnheim. Die folgende Saison als Stammspieler verhalf Matic wieder zu Selbstvertrauen und Offerten von Benfica Lissabon – und dem FC Chelsea zu dessen zweitem Lapsus des Transferjahres 2011. Im Januar war bereits das 59 Millionen Euro-Missverständnis Fernando Torres aus Liverpool eingetroffen, im Sommer 2011 ging Nemanja Matic. Er war nicht mehr als ein Passus im Vertrag, der zur Verpflichtung von Benficas Sehenswürdigkeit David Luiz aufgesetzt wurde.

20 Millionen Transferdefizit sind kein Minusgeschäft

Heute, gut drei Jahre später, hat der FC Chelsea beide Fehler behoben. Den entnervten Torres verlieh man zum entnervten AC Milan, der erstarkte Matic kam für 25 Millionen Euro zurück an die Themse. »Für ihn gibt es keinen gleichwertigen Ersatz«, sagte Benficas Trainer Jorge Jesus hernach im portugiesischen Fernsehen. »Ich liebe, was Matic auf den Platz bringt.«

Dass trotz des Transferdefizits von 20 Millionen Euro niemand auf der Insel von einem Minusgeschäft sprechen sollte, verantwortet Matic selbst. Sein Startelfdebüt gab er beim amtierenden Meister Manchester City. Es brachte die Abwehralthauer Jamie Carragher und Gary Neville in ihrer Funktion als Sky-Experten fast zum Glühen. Seit jenem Auswärtssieg nennen die Blues-Fans Matic »das Biest«.

Was hatten zweieinhalb Jahre Lissabon aus dem schlaksigen Serben gemacht?