Chelsea unterliegt ManU

Ballacks bitteres Ende

In einem Spiel mit zwei völlig verschiedenen Halbzeiten hat Manchester United das glücklichere Ende für sich - und siegt im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea 6:5. Die Blauen vermissten am Ende der umkämpften Partie einen Spieler. Chelsea unterliegt ManUImago Die Moskauer Bevölkerung ist nicht zu beneiden. Da wissen sie im Herzen ihrer Stadt das Bolschoj-Theater, eines der größten Ballett- und Opernhäuser der Welt. Doch auf die große Bühnenkunst müssen sie derzeit verzichten. Das Bolschoj-Theater wird renoviert, und die Moskauer Theater-Liebhaber müssen sich mit dem Theater an der Taganka oder mit dem Majakowskij-Theater begnügen. Oder mit einer Stätte, die am Mittwochabend ebenfalls von sich behaupten wollte, ein Hort großartigen Theaters zu sein - dem Luschniki-Stadion, das auf der Metro-Linie Sokolnitscheskaja nur fünf Stationen vom Bolschoj-Theater entfernt liegt.

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In ebenjenem Luschniki-Stadion duellierten sich am Mittwochabend Manchester United und der FC Chelsea um die Krone des europäischen Fußballs - mit dem besseren Ende für Manchester, das das Spiel mit 6:5 nach Elfmeterschießen für sich entschied. Und während dieser 120 Minuten plus Elfmeterschießen sahen die 69.500 Zuschauer das, was auch im Theater zu den wichtigsten Elementen gehört: Abwechslung, Spannung und vor allem ein dramatisches Ende.

Im Prinzip hätte schon vor dem Elfmeterschießen klar sein können, dass Chelsea gewinnt, weil Chelsea ja mit Michael Ballack einen Deutschen in seinen Reihen hatte. Doch ein Deutscher reicht eben nicht, um ein Elfmeterschießen zu gewinnen. John Terry und Nicolas Anelka vergaben die entscheidenden Versuche. Beinahe wäre Manchesters Cristiano Ronaldo zur traurigen Figur des Abends geworden. Der derzeit vielleicht weltbeste Spieler wollte es im Elfmeterschießen ganz besonders schön machen, verzögerte den Anlauf - und scheiterte an Chelseas Torhüter Petr Cech. Danach hatte er Glück, dass Terry und Anelka verschossen.

Es wäre aber auch zu bitter gewesen. Der Portugiese war schließlich ausschlaggebend gewesen, dass sich ManU über weite Strecken der ersten Hälfte so präsentierte, dass es auch in Sachen Kreativität und Inspiration keinerlei Vergleich mit dem Ensemble des tatsächlichen Bolschoj-Theaters scheuen musste. Der kurzfristig in die Startelf gerückte Owen Hargreaves war sichtbar bemüht zu beweisen, warum er kurzfristig in die Startelf gerückt war. Im Mittelfeld organisierten Paul Scholes und Michael Carrick ein deutliches Übergewicht, und auf dem linken Flügel hatte Cristiano Ronaldo wie immer seinen Spaß beim Versuch, per Übersteiger die Gegenspieler auszuspielen. So dominierte Manchester die Anfangsphase, die größte Gefahr fürs United-Tor entstand, als Verteidiger Nemanja Vidic per Kopfball ins eigene Toraus klärte.

Ronaldo und seine Übersteiger

Nach geschätzten 137 Übersteigern in den ersten 25 Minuten rechnete Chelseas Außenverteidiger Michael Essien wohl gar nicht damit, dass dieser Cristiano Ronaldo auch noch etwas anderes kann außer Übersteiger. Entsprechend entschied sich Essien, bei einer Flanke von Paul Scholes erst gar nicht mit in die Luft zu gehen und lieber ein paar Kräfte für den nächsten Ronaldo’schen Übersteiger zu sammeln, und war so weit entfernt wie das Münchner Marionettentheater vom Moskauer Bolschoj-Theater. Eine Fehleinschätzung: Ronaldo schraubte sich in die Höhe und köpfte ungehindert zur verdienten 1:0-Führung.

Und die Red Devils zelebrierten weiter ihre Stärke. Ronaldo tänzelte durch die Abwehr wie Rudolf Nurejew über die Bretter des Theaters, und seine Mitspieler Hargreaves, Tevez, Carrick hatten drei Riesen-Möglichkeiten - doch ein weiterer Treffer folgte nicht. Und Chelsea? Bei den Blues musste Angreifer Didier Drogba meistens das in dieser Saison so oft eingesetzte Fernglas benutzen, um seine Mitspieler zu sehen. So weit hinten standen sie, so selten kamen sie nach vorne.

Doch, ob’s gefällt oder nicht, das ist nun mal der Stil der Chelsea-Mannschaft 07/08. Und auch dieses Mal ging die Strategie, sich selbst auf die Defensive zu beschränken und vorne auf den einen Fehler der gegnerischen Mannschaft zu hoffen, wieder auf: Ein kleiner Patzer in der ManU-Hintermannschaft, und Lampard markiert aus dem Nichts das 1:1 (45.) - nach einem Ballack-Freistoß die erste Chelsea-Chance des Spiels.

Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie so ein unverdienter Treffer ein ganzes Spiel verändern kann. Zumal, wenn dieser Treffer zu einem Zeitpunkt fällt, der unter die Rubrik »psychologisch wichtig« fällt. Jedenfalls war nach dem Seitenwechsel kaum noch etwas wie vorher: Ballack schwang sich aus der Zuschauerloge der ersten Hälfte zur Hauptrolle auf, Essien hatte in der Halbzeitpause wohl irgendein Anti-Übersteiger-Mittel gefunden, und auf einmal gewannen die Chelsea-Spieler fast alle Zweikämpfe. Die große Überlegenheit führte zu der ein oder anderen Chance, die größte hatte Drogba, der aber mit einem Weitschuss nur den Pfosten traf.

Aber wo war sie hin, diese viel gerühmte Spielweise der englischen Spitzenmannschaften, der One-touch-football, die Hochgeschwindigkeitspässe? Sie war wohl irgendwo auf den fünf Metro-Stationen vom Bolschoj-Theater zum Luschniki-Stadion ausgestiegen. Statt der portugiesischen Leichtfüßigkeit prägte ruppige Kompromisslosigkeit das Spiel. Und plötzlich war wieder etwas im Spiel, was bis vor einigen Jahren als typisch englisch galt und in den vergangenen Jahren schon abgelegt schien: diese englische Raubeinigkeit.