Cacau gegen den Rest der Welt

Das elfte Gebot

Du sollst Deinen Nächsten anspielen wie Dich selbst - der gottesfürchtige Brasilianer Cacau hat viel lernen müssen, um beim VfB Stuttgart wichtig zu werden. Mit 27 Jahren scheint er nun endlich eine taktische Reife gewonnen zu haben. Cacau gegen den Rest der Weltimago images
Wenn man es genau nimmt, dann ist Jeronimo Maria Barreto Claudemir da Silva an allem schuld. Es ist seine Schuld, dass der Endspurt dieser Saison in etwa so spannend ist wie ein Rosamunde-Pilcher-Film, bei dem man schon vorher weiß, dass am Ende einer in eine Felsspalte stürzen wird, aus der ihn dann eine schöne Frau rettet. Jeronimo Barreto, genannt Cacau, hätte ja auch vorbei schießen können in der 23. und 25. Minute, aber er hat es nicht getan. Stattdessen hat er den Ball zweimal mitten hinein ins Münchner Tor geschossen, und Uli Hoeneß hat nachher dreingeschaut, als würde er die ganze Bayern-Mannschaft am liebsten in eine Felsspalte stürzen.

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Wenn man es genau nimmt, dann ist am 21. April 2007 in Stuttgart jener neue FC Bayern entstanden, der am 27. April 2008 schon Meister werden könnte. Cacaus Tore haben dem FC Bayern damals eine so beschämende 0:2-Niederlage zugefügt, dass Uli Hoeneß in einem Akt der Notwehr Franck Ribéry und Luca Toni kaufte. Cacau ist schuld, wie gesagt, aber man kann das natürlich auch anders sehen. »Wenn man Cristiano Ronaldo mal wegrechnet und nur echte Mittelstürmer bewertet, dann ist Luca Toni zurzeit der beste Stürmer der Welt«, sagt Cacau. Und er, Jeronimo Maria Barreto Claudemir da Silva, hat ihn in die Liga geholt!

»Wollte mich nicht wegwerfen lassen«

Aus dieser kleinen Geschichte kann man lernen, dass dieser Cacau ist offenbar wichtiger als man denkt. Zwar wird das Gastspiel des VfB beim FC Bayern natürlich zugespitzt auf das Duell zwischen Luca Toni und Mario Gomez, und es passt ja wirklich gut, dass Gomez drei Wochen nach seinem Muskelfaserriss pünktlich zum Spiel wieder gesund geschrieben ist. Aber am besten passt es für Cacau. »Ich mag es, wenn alle auf den Mario schauen«, sagt er. Man übersieht dann nämlich gern, dass der VfB noch einen zweiten Stürmer auf dem Platz hat, aber seit dem 21. April 2007 kommt Cacau mit dieser Unsichtbarkeitsnummer nicht mehr so einfach durch. »Leider werde ich nicht mehr so unterschätzt wie früher«, sagt Cacau, »die Gegenspieler wissen jetzt, dass ich da bin.«

Auch beim VfB haben sie das erst lernen müssen. Vor der Meistersaison hätten sie Cacau ja fast verkauft, »aber ich wollte mich nicht einfach wegwerfen lassen«. Er hat einfach beschlossen, dass es das noch nicht gewesen sein kann auf diesem Niveau. »Ich habe lange gebraucht, um oben anzukommen, und da wäre ich auch als Stürmer Nummer sieben in Stuttgart geblieben«, sagt er. Früher hat er seine Wochenenden ja meist damit verbracht, alleine gegnerische Mannschaften auszuspielen, bei Türk Gücü war das, einem Münchner Fünftligisten. Er war als 18-Jähriger aus Brasilien gekommen, und er hatte ein paar Erfahrungen im Handgepäck, die ihm nicht wirklich weitergeholfen haben. »Ich dachte, dass ich ein paar gleich gute Spieler treffe«, sagt er, »in Brasilien findest du ja bei jedem Fünftligisten überragende Spieler.« Aber er war in Deutschland gelandet.


Auf der nächsten Seite: Cacaus Weg zum VfB Stuttgart und wie der Druck dort die taktische Reife bringt.

Cacaus Weg ist oft beschrieben worden, jener Weg, der ihn von Türk Gücü über die Amateurelf des 1. FC Nürnberg in die Profielf des VfB Stuttgart führte, aber man kann Cacau ohne diesen Weg nicht verstehen. Er ist der einzige Brasilianer der Welt, der erst den deutschen Fußball kennenlernen musste, um den Brasilianer in sich rauszulassen. Er hat seine südländische Technik mit einem teutonischen Arbeitsethos abgemischt, den sein Spiel dringend nötig hatte.

»Dass Cacau heute noch in Stuttgart spielt, hat er einzig und allein sich selbst zu verdanken«, sagt Horst Heldt, der Manager des VfB. »Und heute ist er ein Stürmer von internationalem Format.« Wenn sie ehrlich sind, dann haben sie ihm das nicht zugetraut, und wenn Cacau ehrlich ist, dann hat er den Verantwortlichen ihr Urteil auch nicht schwer gemacht. Er hat sich in der fünften Liga ein so eigensinniges Spiel angewöhnt, dass er die Vorgesetzten mitunter zur Weißglut brachte. Auch die Mitspieler haben es nicht gerne gesehen, wenn ihr Einzelsportler erst aus 37 Metern einen Gewaltschuss absetzte, um sich kurz darauf festzudribbeln.

Taktische Reife

»Ich hatte immer das Gefühl, unter Druck zu stehen«, sagt Cacau heute. »Ich konnte nie sicher sein, im nächsten Spiel wieder aufgestellt zu werden, deshalb wollte ich mit Gewalt auf mich aufmerksam machen.« Der gottesfürchtige Solist wird es für einen Wink von oben halten, dass ihn gerade eine Einzelaktion das irdische Zusammenspiel lehrte; am zweiten Spieltag der vorigen Saison sicherte Cacaus Schuss aus zirka 37 Metern dem VfB einen 3:2-Sieg in Bielefeld und dem schwer wackelnden Trainer Veh die Weiterbeschäftigung. Armin Veh hat ihm das nie vergessen - und seit Cacau sich als unverzichtbar begreift, ist sein Spiel zur Ruhe gekommen. Du sollst Deinen Nächsten anspielen wie Dich selbst - Cacau spielt jetzt so streng nach dem elften Gebot, dass Heldt dem Angreifer »einen sensationellen Stilwechsel« bescheinigt.

Mit 27 Jahren scheint Cacau nun endlich eine taktische Reife gewonnen zu haben, die seiner individuellen Klasse keinen Raum nimmt. Aber sie bleiben wachsam beim VfB. »Wir passen genau auf«, sagt Heldt. Nur zu gut kennen sie ja auch jenen Cacau, der das Talent zur Tätlichkeit hat (wie im Pokalfinale 2007), aber eigentlich halten sie ihre Begabung für weitgehend krisenfest. Cacau kennt ja inzwischen seinen Wert, er weiß, dass er längst ein Teil von Mario Gomez geworden ist. Gomez spielt am liebsten mit Cacau zusammen, der Wuchtikus und der Leichtfuß ergänzen sich ideal.

Noch machen sie beim VfB ein Geheimnis daraus, ob sie den genesenen Mario Gomez von Beginn an ins Duell mit Luca Toni schicken werden (Tendenz: ja). Cacau wäre das sehr recht, denn er würde schon gerne mithelfen, dass sein Nebenmann zumindest der zweitbeste Stürmer der Welt wird.