Bundesliga-Fans hinter dem Eisernen Vorhang

Der Gladbach-Fan aus dem Osten

Der Konfrontationskurs sorgte kurz vor dem Ende der DDR für einen kuriosen Zwischenfall. Im Frühjahr 1989 schuftete Andritzke im Bausoldaten-Lager von Züllsdorf, mitten im brandenburgischen Nirgendwo. »Ich hatte mir ausgerechnet, dass die Rückrunde der Bundesliga am 11. Februar 1989 beginnen müsste, rannte zur Sportschau-Zeit einfach in den Fernsehraum, riss die Sicherheitsverkleidung vor dem Sendersuchlauf ab und schaltete auf ARD um.« Das war ein schwerer Verstoß gegen die Vorschriften, aber auch eine große Genugtuung. Doch: »Ich hatte mich um eine Woche vertan.« Im Januar 1990 wurde Andritzke aus dem Dienst entlassen. Schon im Februar zog er zu einer Freundin nach Hamburg. Bloß weg. Neun Monate später war die DDR Geschichte.

»Wenn die Mauer mal weg sein sollte, dann stehst du einen Tag später im Volksparkstadion!«

HSV-Fan Karsten Armgardt blieb im Osten und gründete 1997 einen Fanklub. »Ich habe mir immer gesagt: Wenn die Mauer mal weg sein sollte, dann stehst du einen Tag später im Volksparkstadion!« Doch die Familie, der Hausbau und ein neuer Job machten diesem Plan einen Strich durch die Rechnung. Seinen HSV begleitete er jahrelang nur zu Auswärtsspielen. Schon komisch: Da träumt einer sein Leben lang von seinem Klub und braucht doch elf Jahre, um ihn endlich bei einem Heimspiel bewundern zu können. Als es Karsten Armgardt 2001 endlich schaffte, war aus dem Volksparkstadion bereits die AOL-Arena geworden.

Steffen Andritzke erlebte seine ganz persönliche Wende am 24. Februar 1990 beim Gladbacher Heimspiel gegen Werder Bremen. Obwohl er das erste Mal am Bökelberg auftauchte, hieß ihn eine ganze Fan­szene willkommen. Die Geschichte des Bundesligafans, der seinem Klub trotz staatlicher Repressalien die Treue gehalten hatte, hatte sich rumgesprochen. »In den Kneipen um den Bökelberg wurde ich herumgereicht wie ein Wanderpokal, jeder wollte mir einen ausgeben. Als das Spiel schließlich begann, war ich völlig besoffen. Aber endlich frei.«

Heute leitet der Ex-Hool eine Kung-Fu-Schule

Seinem Selbstverständnis als Staatsfeind blieb er zunächst dennoch treu. Bis in die Nullerjahre hinein prügelte er sich mit Gladbacher Hooligans durch die Lande. Erst das Alter und eine neue Leidenschaft zerstreuten den Hass. Heute lebt Andritzke in der Nähe von Mönchengladbach und bietet als Kung-Fu-Trainer im Verein »Halbstark« gewaltbereiten Jugendlichen im Gladbacher Fußballumfeld Selbstverteidigungskurse und fernöstliche Meditationen an. Ende des Jahres soll seine Biografie »Kulturstadtbanause« erscheinen. Ein neues Leben, das aus dem alten lernen will.