Buckleys denkwürdiger Wechsel

Zurück in die Zukunft

Vom Profi zum Amateur und wieder zurück: Wie der Winterpausentransfer eines gewöhnlichen Erstligafußballer zur außergewöhnlichsten Transfer-Posse in der Geschichte des Zweitligisten FSV Mainz 05 wurde. Buckleys denkwürdiger WechselImago 2. Februar 2009. Kurz vor zwölf. Auf der Autobahn zwischen Bochum und Düsseldorf hat es ein Mann eilig. Sehr eilig. Für Fußballprofi Delron Buckley hängt die weitere Karriere in diesen Minuten am seidenen Faden. Wenn er nicht bis 12 Uhr den unterschriebenen Antrag für die Aufnahme in die Transferliste beim DFL eingereicht hat, darf der Südafrikaner nicht zu Mainz 05 wechseln. Eine weitere Halbserie auf der Bank von Borussia Dortmund droht. Buckleys Karriere ist bald zu Ende, er ist 31 und in Mainz winkt eine letzte Chance. Als Buckley hektisch einen Copyshop erreicht und das nötige Fax abschickt, ist es 12.07 Uhr. Das Transferfenster ist geschlossen, der Wechsel gescheitert. Oder doch nicht?

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Am Anfang war eine kurze Meldung: »Eine Option im Regelwerk ermöglichte Delron Buckley auch nach dem Ende der Transferfrist am Montag, 12 Uhr den Wechsel vom Bundesligisten Borussia Dortmund zum Zweitliga-Klub Mainz 05.« Buckley, so hieß es, habe sich kurzfristig reamateurisieren lassen, um die Wechselfrist zu umgehen. Remateurisierung. Wechselfrist. Option im Regelwerk? Die wenig beachtete Transferposse um den Deutsch-Südafrikaner Delron Buckley dürfte als einer der kuriosesten Coups der Mainzer Transfergeschichte haften bleiben.

Der Reihe nach. Am Montag, den 2. Februar 2009, schickt der Mainzer Manager Christian Heidel eine Anfrage an Delron Buckley und dessen Berater raus. Die 05er wollen den schnellen Linksfuß haben, kurzfristig ist auf der offensiven Position eine personelle Lücke entstanden: Der Algerier Chadli Amri ist verletzt, Elkin Seto erkrankt, »seine Blutwerte stimmen nicht«, wird Heidel von der Mainzer Medizinabteilung informiert. Der Manager will und muss handeln und Buckley scheint der geeignete Kandidat zu sein um das personelle Vakuum zu füllen. Unter Jürgen Klopp hat der seit 1995 in der deutschen Bundesliga aktive Buckley nur drei Saisonspiele bestritten, kam auf 39 Einsatzminuten. Zu wenig für den ehrgeizigen Flügelstürmer, dessen Karriereende sich anbahnt. Er will weg. Und Mainz will ihn.

»Ich habe nicht damit gerechnet, dass es funktioniert«

Als Heidel die Anfrage rausschickt, ist es neun Uhr. Die Transferfrist endet um 12 Uhr mittags. »Wir haben Buckley ein adäquates Zweitliga-Angebot gemacht, mehr nicht. Mit dem BVB habe ich gar nicht gesprochen, das hat sein Berater getan. Wir haben nicht gehandelt, nicht gezockt.« Zum Zocken blieb beiden Seiten keine Zeit, drei Stunden vor dem Ende der winterlichen Transferperiode.

Ein kluger Schachzug oder eine unnötig zu spät heraus gesandte Wechselanfrage? »Der späte Zeitpunkt«, sagt Heidel, »war doch bewusst gewählt.« Keine Zeit zur Verhandlung, kein Risiko für den FSV- und im Idealfall ein günstiger Transfer eines renommierten Erstligafußballers in die 2. Bundesliga. »Ehrlich gesagt: ich habe nicht damit gerechnet, dass es funktioniert«, verrät Heidel.

Um etwa halb 12 bekommt Buckley dann per Telefon die Zusage von seinem Berater: Dortmund hat dem schnellen Verkauf zugestimmt, der Spieler kann gehen. Jetzt benötigt die DFL nur noch den Wechsel-Antrag mit der Unterschrift des Spielers. Doch Buckley sitzt im Auto. Als er das nächste Faxgerät erreicht und das wichtige Papier durch den Äther jagt ist es bereits zu spät. DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus bestätigt: »Für Lizenzspieler galt: um 12 Uhr des zweiten Februars musste der Spieler auf der Transferliste erscheinen, bis 24 Uhr mussten die Verträge vorliegen. Herr Buckley wurde erst um 12.07 Uhr auf die Transferliste des DFL gesetzt, somit war ein Wechsel nicht mehr möglich.« Sieben Minuten. Buckley wird den Rest der Saison auf der Dortmunder Ersatzbank verbringen.

»Für mich war der Fall damit erledigt«, sagt Christian Heidel aus Mainz. Bis ihm einfällt, ob die Transfervorgaben nicht doch eine Lücke enthalten. »Ich habe die Statuten gewälzt und schließlich etwas gefunden.« Beim DFL geht am 2. Februar zur Mittagszeit folgender Anruf ein: »Nach meinem Kenntnisstand«, dröhnt die Stimme von Heidel, »kann ich den Lizenzspieler Buckley doch noch spielberechtigt machen, wenn ich ihn reamateurisiere.« Bei der Deutschen Fußball-Liga ist man ratlos, erst ein Juristenteam bestätigt Heidel: »Ja, laut Statuten ist das möglich.«

Der Clou: ist ein Spieler offiziell als Amateur aufgeführt, liegt die Zuständigkeit beim jeweiligen Landesverband. Die Transferfrist läuft dort bis 24 Uhr, Buckley und der FSV Mainz kommen sich wieder näher. Schnell sind die entsprechenden Formulare ausgedruckt, Heidel legt noch die Kopie von Buckleys Personalausweis dazu. Ein Antrag, »wie für einen B-Jugendspieler«. Um 16.30 Uhr geht ein Fax an den Südwestdeutschen Fußballverband. Doch dort nimmt niemand das wertvolle Druckstück an, die Stelle ist nicht mehr besetzt. »Das war kein Problem. Es zählt der Zeitpunkt, zu dem der Antrag eingereicht wurde.« Erst am Dienstagmorgen kommt aus der Zentrale in Edenkoben die telefonische Bestätigung: »Der Lizenzspieler Delron Buckley von Borussia Dortmund ist als Vertragsamateur zu Mainz 05 gewechselt.« Der 71-fache Nationalspieler hat die merkwürdige Metamorphose hinter sich. Aus dem Profi Buckley ist der Amateur Buckley geworden.

Buckley hatte doppeltes Glück

Beim DFL gesteht man die Rechtslücke auf Nachfrage ein, Geschäftsführer Hieronymus bestätigt im schönsten Beamtendeutsch: »Da der Verein Mainz 05 Herrn Buckley aber als Vertragsspieler verpflichtete, waren nicht mehr die Statuten der DFL maßgeblich, sondern die des Landesverbandes, in diesem Fall der südwestdeutsche Fußballverband. Dessen Wechselfrist endete um 24 Uhr.« Buckley hat doppeltes Glück: nur weil der im südafrikanischen Durban geborene Fußballer auch einen deutschen Pass besitzt, kann er sich offiziell reamateurisieren lassen. Heidel klärt auf: »In Deutschland kann ein Nicht-EU-Ausländer keinen Amateurpass bekommen, erst ab der dritten Liga dürfen überhaupt Nicht-EU-Fußballer spielen. Ausnahmen gelten für Amerikaner, Kanadier und Schweizer.« Aber das ist eine andere Geschichte.

Buckley hat am 19. Spieltag sein erstes Spiel für den neuen Klub bestritten. In der vierten Minute legt er Florian Heller den Ball mustergültig auf, der trifft zum 1:0. Welch ein Einstand, auch wenn am Ende ein 2:2 gegen 1860 München zu Buche steht. Dass Buckley immer noch als Vertragsspieler und damit als Amateur aufläuft ist eigentlich nicht nötig. »Wir hätten ihn zwei Stunden nach dem Transfer schon wieder zum Lizenzspieler machen können«, sagt Heidel. Um zu verhindern, dass der Wechsel-Coup wie ein Affront auf die DFL und ihre lückenhafte Transferregelung wirkt, wird Buckley wohl bis zum Ende der Saison als Amateurspieler auflaufen. Für den Spieler habe der künstliche Amateurstatus hingegen überhaupt keine Auswirkungen. Heidel sagt: »Null-komma-Null Auswirkungen«, und meint das wirklich so.

Beim DFL reagiert man betont die gelassen auf die peinliche Lücke im System. »Wir werden uns bemühen«, verspricht Holger Hieronymus, »die Zeitfenster in Zukunft anzupassen.« Christian Heidel, der den außergewöhnlichen Transfer eines gewöhnlichen Erstliga-Fußballers eingefädelt hat, versucht sich in Schadensbegrenzung für den DFL: »Unsere Presseerklärung zum Wechsel Buckleys war extra knapp gehalten, erst auf Nachfragen haben wir die speziellen Vorkommnisse bestätigt. Es sollte ja nicht so wirken, als hätten wir die DFL ausgetrickst.«

Ein Grinsen, das merkt man selbst am Telefon, kann sich Heidel nicht verkneifen.