Brightons Vereinspoet Attila the Stockbrocker

Mach ihn Reim

Er hat mehr als 3300 Konzerte gespielt, über 40 Alben und acht Bücher veröffentlicht. Vor allem aber hat er seinem Verein Brighton & Hove Albion ein Stadion geschenkt. Und das richtige Bier.

Dave Imms

Er verlor seinen Job und war glücklich darüber. Weil sie den Krieg gewonnen hatten. Attila the Stockbroker, der eigentlich John Baine heißt und »Poet in Residence« bei Brighton & Hove Albion ist. Ein Amt, das ohne große Verpflichtungen auskommt, außer, wie er sagt: »Hin und wieder ein Gedicht.«

Eines wie »Goldstone Ghosts«, in dem es heißt: We drew a line, and said: ENOUGH! And as the nation watched / the final battle for our club began. / We fought him to a standstill. Fans United. All for one. Das eine Ziel: eine Heimat für den Verein, für ihren Verein. Denn das Stadion, Goldstone Ground, zwischen 1902 und 1997 Spielstätte und Seele des Klubs - Geschichte. Dem Erdboden gleichgemacht.

Verkauft vom Mehrheitseigner, verkauft von und großteils in die Taschen Bill Archers. Dessen Namen Attila the Stockbrocker, der Poet, der Sozialist, der perfekt Deutsch kann, weil er oft in der DDR unterwegs war, vor lauter Wut und Verachtung mehr spuckt als spricht. Den Namen des Mannes, der sie alle obdachlos hat werden lassen.

Sex Pistols vs. Phil Collins

Wegen dem sie für zwei Jahre bis nach Gillingham fahren mussten, 120 Kilometer hin, 120 Kilometer zurück. Um dort die Heimspiele ihrer Mannschaft zu sehen. Ehe es 1999 zurückging nach Brighton, ins Whitdean Stadium, einen grässlichen Bau mit Tartanbahn, der einst als Zoo fungierte. Immerhin etwas Gutes hatte das Exil: den neuen Stadionsprecher, Attila the Stockbroker. Punk und Ska gingen jetzt über die Boxen, einmal sogar Stockhausen, darauf ist er stolz.

Als er »Anarchy in the UK« von den Sex Pistols auflegt, stürmt ein Polizist in sein Kabuff, verlangt, das Abspielen der Platte zu unterlassen, es stachele die Leute auf. John hält dagegen. Allein in der näheren Umgebung sei er auf 92 Fußballplätzen gewesen. Überall würden sie Phil Collins spielen. Wenn ihn jemals ein Song zum Psycho machen würde, dann »In The Air Tonight«.

Ein Sozialist mit Geschäftssinn

2000 wird er »Poet in Residence«. Seine Idee. Die aber gut finden musste, wer ihn auch nur für die Dauer eines Verses vortragen hört. Da steht er dann vor einem, die Hände tanzen jede Silbe in die Luft. Da steht er dann, in Schwarz, weil er immer Schwarz trägt. Die Stimme wird zum Beben, und wenn jemals etwas Inbrunst ist, dann das: To Falmer now, our final goal. / It took so bloody long! / Petitions. Demonstrations. / A Top 20 hit song ... / Our lovely Falmer Stadium. / The Board may not agree. / I've never had a credit card. / It's still Falmer to me.

Die neue Heimat des Klubs. Nach über einem Jahrzehnt bewilligt, nach 14 Jahren bezogen. Nach Unterschriftensammlungen, Ausschuss-Sitzungen und einer Charitysingle mit dem Titel »Tom Hark (We Want Falmer)«, die Attila the Stockbroker unter dem Namen »Seagulls Ska« im Dezember 2005 veröffentlicht und die bis auf Platz 17 der UK-Single-Charts klettert. Auch Sozialisten wissen, wie man Geld macht.