Brigade Hartmut Strampe geht für Amateur-Schiris auf die Straße

Hier und laut

Sie warn da, sie warn laut, weil ihr unsre Schiris haut! Noch nie war das Thema Gewalt gegen Schiedsrichter präsenter als heute. Gedanken eines Demonstranten.

Fabian Scheler

Auf dem Weg zur Demo, vorbei an der immergleichen niedersächsischen Flora und Fauna – Feld, Feldweg, Bäume, Feld – vibriert das Handy. Ein Kollege leitet den Link weiter, der einen direkt auf einen rheinland-pfälzischen Sportplatz führt. Ein wackliges Amateurvideo zeigt die Spieler von TuS Rüssingen und Alemannia Waldalgesheim, Verbandspokal, Halbfinale, Rudelbildung. Die Spieler aus Rüssingen bedrängen das Schiedsrichtergespann und irgendwann entlädt sich diese aufgestaute aggressive Stimmung, die man selbst bei der Ansicht dieses Videos spüren kann, und trifft einen der beiden Assistenten. Von einem TuS-Faustschlag getroffen, geht der Mann in Gelb zu Boden, rappelt sich wieder auf und ergreift die Flucht.

Was geht in einem Menschen vor, der einen Schiedsrichter umboxt?

Die Partie musste abgebrochen werden, die Videos machten noch schneller die Runde als die News, dass mal wieder ein Schiedsrichter tätlich angegriffen wurde. Große Aufregung in den (sozialen) Medien, inzwischen hat sich der Täter via »Bild«-Zeitung für sein Verhalten entschuldigt.

Merkwürdig, denkt man, steckt das Handy wieder weg und fragt sich, was wohl mit so einem Menschen los ist, der einen Schiedsrichter während eines Verbandspokal-Halbfinals mit einer rechten Geraden niederstreckt, als habe er diesen soeben In flagranti mit der Gattin im heimischen Schlafzimmer überrascht. Wie viel Wut und Hass nehmen manche Leute mit auf den Sportplatz, dass sie sich dazu hinreißen lassen, einem Schiedsrichter so auf die Pelle zu rücken, dass der sich ernsthaft bedroht fühlt?

Und immer auch die Frage: Warum werden Menschen Schiedsrichter? Warum entscheidet man sich freiwillig für einen Job, der einem im besten Fall einen festen Händedruck, ein paar Euro und ein Freibier, im schlechtesten Fall eine gebrochene Nase einbringt?

Die Brigade Hartmut Strampe

Die Frage stellte sich auch damals, auf einem Balkon in Berlin-Friedrichshain, ein paar leere Flaschen Bier standen da schon auf dem Tisch. Noch ein Pils später und die Idee der »Brigade Hartmut Strampe« war geboren, der ersten Ultra-Gruppierung für Schiedsrichter. So abwegig und deshalb so unterhaltsam. So sinnvoll dann doch und deshalb so beliebt. Der Rest der Geschichte dürfte vielen Lesern dieses Artikels bekannt sein: von 11FREUNDE in die Tat umgesetzt und finanziert, wurden aus dieser Idee drei Auftritte mit Bannern, Fahnen, »Unparteiisch«-Ordnerwesten und so weiter, eine Facebook-Seite mit mehr als 10.000 Followern und dank zahlreicher Medienberichte eine ziemlich breite Öffentlichkeit. Ein bierseliger Spaß, verrückte 11FREUNDE-Geschichte, eigentlich.

Aber selbst als das schlecht gehütete »Geheimnis« über die Brigade bekannt gegeben wurde, schien sich niemand daran zu stören, geschweige denn, seine Unterstützung für die Brigade zurücknehmen zu wollen. Was vor allem für die vielen, vielen Schiedsrichter galt, die ihre Sympathie für die Idee auch danach in ungezählten Nachrichten, Kommentaren oder Zuschriften bekundeten. Tenor: Schön, dass es euch gibt.