Bremens Gegner FC Valencia

Der Klub, den es nicht gibt

Der SV Werder Bremen schied gestern nach einem 4:4 im Weserstadion aus der Europa League aus. Bei genauerem Betrachten kam das Aus jedoch gegen einen Gegner, der eigentlich gar nicht mehr existieren dürfte. Den FC Valencia. Bremens Gegner FC Valencia 300 Millionen Euro. 450 Millionen Euro. 575 Millionen Euro. Irgendwas dazwischen. Wer die korrekte Schuldensumme des Valencia Club de Fútbol nennen will, der läuft ins Leere. Wie so oft im Fußball ist die Wahrheit verborgen, irgendwo im Nirgendwo zwischen Stadion, Geschäftsstelle und Präsidium. Was man allerdings mit ziemlicher Genauigkeit sagen kann: Den FC Valencia dürfte es nach deutschen Maßstäben schon lange nicht mehr geben.

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Uli Hoeneß ist für seine brutalen Urteile bekannt. »Wenn ich höre, dass sich Valencia für einen Spieler interessiert, muss ich mich halb totlachen«, sagte der damalige Bayern-Manager im Mai 2009 dem Handelsblatt, »Mit 650 Millionen Euro Schulden frage ich mich, wo die nur einen Euro herbekommen wollen!« Wieder eine Summe. Entscheidend ist aber: Der ruhmreiche FC Valencia, zweimaliger Champions-League-Finalist, ist pleite und hochverschuldet. Spätestens seit dem Jahresbeginn 2009 drückt den spanischen Verein ein gigantisches Minus in die Knie. Die Zeitungen prophezeiten das, was jeder vernünftige Mensch als erste Konsequenz für einen verschuldeten Fußballklub vermuten würde: einen Ausverkauf der Spieler. Der Marktwert des damaligen Kaders wurde auf satte 195 Millionen Euro geschätzt, darunter solche Perlen wie David Silva und David Villa. Spätestens seit dem spanischen EM-Gewinn 2008 hatte jeder halbwegs potente Klub mindestens einen der beiden Spieler auf dem Zettel. Aber: Keiner der Stars hat den Verein verlassen. Werder Bremen geriet im Hinspiel auch deshalb beinahe unter die Räder, weil der FC Valencia immer noch überragende und damit extrem teure Fußballer in seinen Reihen hat.

Das teuerste, schönste, tollste Fußballstadion der Welt

Wie das möglich ist, weiß eigentlich keiner so genau, wahrscheinlich noch nicht einmal die Vereins-Verantwortlichen. Juan Soler heißt der Mann, der Valencia als Präsident erst in die europäische Spitze führte und dann in den finanziellen Ruin. Spanien-Kenner Ronald Reng zitierte Soler in einem Artikel im März 2009 mit folgenden Worten: »Wenn ich Mediziner wäre, hätte ich den Impfstoff  erfunden. Ich bin aber Bauunternehmer.« Ein großmäuliger spanischer Fußball-Mäzen, wie er im Buche steht. Bauunternehmer Soler hatte eine große Vision: Der Stadt Valencia das teuerste, schönste, tollste Fußballstadion der Welt zu bauen. Sein Plan: Das Grundstück der alten Heimstätte »Estadio Mestella« zu verkaufen und gleichzeitig das »Nou Mestella« aus dem Boden zu stampfen. Rund 300 Millionen Euro sollte Valencia für sein Grundstück kassieren, doch da war der spanische Immobilienmarkt bereits längst am Überkochen. Niemand interessiert sich für den sündhaften teuren Boden in der Innenstadt, für den Soler 4800 Euro verlangte. Pro Quadratmeter.

Valencia nahm einen Kredit auf, angeblich 200 Millionen Euro bei der Bank Bancaja, inzwischen soll sich die Schuldensumme allein bei diesem Kreditinstitut auf über 250 Millionen Euro belaufen. Der Klub, der längst auf Pump lebte, kaufte weiterhin fleißig Spieler ein. Teure Spieler. Allein Nikola Zigic kostete 2007 15 Millionen Euro Ablöse. Auch der Bau des neuen Heimspielpalastes wurde rigoros vorangetrieben. Bis die ersten Kräne anhielten. Seitdem rollen die Bagger nur, wenn mal wieder ein paar Dukaten aufgetrieben worden sind. Jetzt, im März 2010, steht vor den Toren der Stadt noch immer ein halbfertiges Gerippe. Längst ist das »Nou Mestella« zum Symbol der finanziellen Katastrophe geworden. Zeitweise konnte der Klub seinen Spielern keine Gehälter zahlen, Trainer, Manager und Präsidenten kamen und gingen – kein Wunder, dass der einstige Champions-League-Dauergast auch sportlich einsackte.

»Die Existenz des FC Valencia ist nicht mehr in Gefahr«

Dann ließ Ex-Präsident Vicento Soriano im Juli 2009 die Bombe platzen. Eine neue Investorengruppe namens Inversiones Dalport SA habe 51 Prozent der Aktien des Vereins erworben und werde den Klub mit 500 Millionen Euro auf die Beine helfen. Soriano war erst einen Monat zuvor als Nachfolger Juan Solers von seinem Amt zurückgetreten. Eine halbe Milliarde Euro, quasi aus dem Nichts. Und Retter Soriano beruhigte die Fußballwelt mit warmen Worten: »Die Existenz von Valencia war in Gefahr, aber das ist nicht mehr länger der Fall.«

Das war vor mehr als einem halben Jahr, und noch immer kommen Gehälter unregelmäßig, vermelden Zeitungen riesige Schuldenberge und sieht das »Nou Estella« wie eine Karikatur seiner selbst aus. Wie viel Geld ist noch vorhanden? Und wenn es überhaupt Geld gibt, woher kommt es? Seine Superstars hat der FC Valencia jedenfalls immer noch. Die Vereinsführung erwehrte sich mit Händen, Füßen und Phantasie-Ablöseforderungen der Anfragen aus Barcelona und Madrid.

Vielleicht werden diese Spieler heute Abend dafür sorgen, dass Werder Bremen aus dem Wettbewerb geschmissen wird. Ein Verein, dem seit Jahren wegen seiner finanziellen Gesundheit die Schulter geklopft wird, wäre dann ausgeschieden. Ausgeschieden gegen einen Klub, den es eigentlich nicht mehr geben dürfte.