Brasiliens erster Weltstar: Leônidas da Silva

Barfuß? Nicht erlaubt!

Während in Straßburg die Zuschauer der zweiten Hälfte entgegenfiebern, ziehen urplötzlich schwarze Gewitterwolken auf. Ein orkanartiger Sturm wirbelt Sand und Laub auf, grelle Blitze erhellen den Himmel um das altehrwürdige Straßburger Münster. Donner grollt und ein Unwetter bricht los. Der Wolkenbruch durchnässt nicht nur die bedauernswerten Zuschauer, sondern verwandelt das Spielfeld in einen See. Schiedsrichter Eklind sieht sich ob dieser Naturgewalten gezwungen die Halbzeitpause zu verlängern. Als der Unparteiische nach einer halben Stunde die Partie wieder anpfeift, ist die Gewitterfront zwar in Richtung Schwarzwald abgezogen, allerdings regnet es weiter beständig auf Zuschauer und Spieler hernieder. Der Platz gleicht einer glitschigen und schmierigen Lehmgrube.

»Ich mir vor wie ein neugeborenes Kind!«

Den Brasilianern wird diese Rutschbahn zum Verhängnis, da sie sich auf dem ungewohnten Geläuf nicht zurechtfinden. Auch Leônidas  schlittert wie betrunken über den glatten Rasen. Er erinnerte sich 1963, ein Vierteljahrhundert später, an diese denkwürdigen Momente: »Es war jener Tag, an dem es donnerte und blitzte und wir nicht mehr ein und aus wussten, weil der Platz überschwemmt war und wir auf diesem Terrain keinen Halt mehr fanden.« Die gegen das Rutschen aufgeklebten Lederstreifen unter den Schuhsohlen der Brasilianer lösen sich langsam ab. Wütend zieht Leônidas sein Schuhe aus und will barfuß weiter spielen, was Schiedsrichter Eklind jedoch nicht zulässt. »Ich sehe noch immer den langen Schiedsrichter vor mir, der von mir verlangte, dass ich sofort wieder meine Schuhe und Strümpfe anziehe. Ich hatte mich ihrer entledigt, weil ich mir vorkam wie ein neugeborenes Kind – es war einfach unmöglich, sich dort zu bewegen. Sooft man sich drehen wollte, rutschten einem die Beine weg.«



Die Polen kommen mit dem durchnässten Platz wesentlich besser zurecht. Sie haben die Hilflosigkeit der Südamerikaner rasch erkannt und nehmen das Spielgeschehen nun in die Hand. In kurzer Zeit holen sie den Vorsprung der Brasilianer auf. Der überragende Ernst Willimowski bringt die Polen mit zwei Toren nach einer Stunde wieder zurück ins Spiel. 3:3! Allmählich hellt sich der Himmel jedoch wieder auf und die Sonne zeigt sich über dem Stadion. Mit den Sonnenstrahlen verschwinden auch die Wasserlachen auf dem Platz und sofort finden die Brasilianer wieder zu ihrem Rhythmus. Nach einer herrlichen Kombination gehen die Ballkünstler wieder in Führung. Mit der Sonne am Himmel scheint der Sieg nun wieder sicher zu sein. Doch die Polen werfen nun alles nach vorn. In der letzten Minute gleicht Willimowski mit einer Einzelaktion erneut zum 4:4 aus und erzwingt quasi mit dem letzten Schuss die Verlängerung.

»Der große Favorit aus Übersee« wie die Berliner Fußballwoche vor der WM getitelt hatte, war nun schon bei der ersten Begegnung in Frankreich ins Straucheln geraten. Dabei hatten die Brasilianer im Vorfeld dieser WM nichts unversucht gelassen, um das klägliche Abschneiden bei den beiden vorangegangenen Weltmeisterschaften vergessen zu machen. Der mit dem Erstrunden-Ausscheiden von 1930 und 1934 ramponierte Ruf der brasilianischen Fußballkunst sollte in Europa  gründlich aufpoliert werden. Bereits im April 1938 reiste die Seleção  nach Frankreich und machte im elsässischen Niederbronn Quartier. Die Akklimatisierung und das Trainingslager dauerten mehrere Wochen. Die brasilianische Regierung unter Präsident Getulio Vargas übernahm alle Kosten der Fußball-Expedition nach Europa. Der Populist Vargas unterstützte die Nationalmannschaft finanziell, da sie seiner Politik der »Brasilianidade«, der Bildung der brasilianischen Nation, förderlich war. Im professionellen Fußball sah er ein zweckmäßiges politisches Instrument. Der »Estado Novo«, der neue brasilianische Staat, den er zu formen gedachte, sollte den bisher wild wachsenden Fußball eingliedern und aus dem Volk von Weißen, Schwarzen und Indigenias eine Nation bilden. Davon profitierten vor allem die Schwarzen, denen der Fußball nun Aufstiegschancen bot.