Brasilien und Argentinien zittern vor dem Copa-Halbfinale

Verunsichert

Heute trifft Brasilien in Belo Horizonte auf Argentinien. Doch statt Vorfreude auf ein großes Halbfinale ist vor allem eines im Umfeld der beiden Fußball-Großmächte zu spüren: Angst. Welches Team kann sich nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahre endlich freispielen?

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Im Stadtzentrum von Belo Horizonte wird am Abend vor dem Klassiker spanisch gesprochen. Die Argentinier sind da. Ein paar Tausend vielleicht. Sie machen sich Mut vor dem Halbfinale bei der Copa America in Brasilien. Sie haben Transparente mitgebracht, auf denen Botschaften zu lesen sind wie: »Wir vertrauen auf Gott und Lionel Messi.« Und in ein paar Kneipen und Restaurants singen sie auch. Das Lied, das davon handelt, dass Maradona größer ist als Pele. Von der Vergangenheit also, als alles noch besser war. Als die beiden großen Nationen noch Titel gewannen.

Auch die Gegenseite macht sich Mut. Mit Statistiken. Mit Einschätzungen. Brasiliens TV-Kommentator Walter Casagrande behauptet, er habe noch nie eine solch schwache argentinische Mannschaft gesehen wie die aktuelle, die durch das Turnier rumpelt. Die 0:2 gegen Kolumbien verlor, 1:1 gegen Paraguay spielte und dann mit einem mühsamen 2:0 gegen Katar überhaupt erst die Vorrunde überstand. Das mag stimmen, aber immerhin haben diese Argentinier danach im Achtelfinale Venezuela mit 2:0 besiegt, während es für Gastgeber Brasilien in der Vorrunde eben gegen diese »Vinotinto« nur zu einem torlosen Remis reichte.

Unter Tite nur zehn Gegentore in 40 Spielen

Außerdem präsentieren sie in den stundenlangen Fußball-Talks eine imposante Statistik. Unter den besten 20 Teams der aktuellen Weltrangliste habe die »Selecao« die beste Defensive: 0,25 Gegentore hat Brasilien im Schnitt seit 2016 kassiert. In den 40 Spielen der Ära von Trainer Tite gerade einmal zehn. Im Land des »Jogo bonito« jubelt das Fernsehen über die Mauer, das zu Null, die Torlosigkeit des Gegners.

All das lässt durchblicken, wie es um die Gemüter der beiden Großmächte und die ihrer Anhängerschaft bestellt ist. Brasilien und Argentinien befinden sich in einer Art Dauerdepression und nur eine der beiden Mannschaften wird in der Nacht zu Mittwoch daraus erwachen, sich für ein paar Tage freischwimmen. Zumindest bis zum Finale am Sonntag in Rio de Janeiro.

Es geht um Trauma-Bewältigung. Für beide. Für Argentinien, das in diesem Jahrhundert überhaupt noch keinen Titel bei einer Copa America oder einer WM gewann. Und das, obwohl die Mannschaft bei den Turnieren seit 2006 einen Lionel Messi in ihren Reihen hat. Ein südamerikanischer Gigant, der 2007 in Venezuela, 2015 in Chile, 2016 in den USA die Copa-Endspiele verlor. Und in Brasilien 2014 das WM-Finale gegen Deutschland.