In Brasilien ist vor allem eines gefragt: Geduld

Phänomenologie des Wartens

In den Reiseführern wird der Tourist aus Deutschland gebetsmühlenartig darauf hingewiesen, dass in Brasilien alles, wirklich alles etwas länger dauert. Aber wie kann das sein? Wie gestaltet es sich, wenn eine Gesellschaft im Samba-Rhythmus wogt und im Alltag grundentschleunigt operiert? Praktische Beispiele aus der ersten WM-Woche.

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Im Flugzeug
Langstreckenflug von Lissabon nach Sao Paulo, dort Anschlussflug nach Salvador de Bahia. Die Zeit ist großzügig berechnet. Vier Stunden bis zum Weiterflug. Passt perfekt, um beim Aufenthalt das Eröffnungsspiel zwischen Brasilien und Kroatien anzuschauen, einen Happen zu essen und entspannt zum neuen Gate zu schlendern. Doch die Maschine fliegt in Lissabon mit dreieinhalb Stunden Verspätung ab. Das wird knapp. Frage an einen Brasilianer im Sitz nebenan, ob er den Flughafen von Sao Paulo kenne. Jaja, so groß sei der nicht. Als er das Problem mit dem Anschlussflug verstanden hat, lehnt er sich in seinem Sitz zurück und sagt: »Relax.« Wenn jetzt die Selecao spiele, würde am Flughafen ohnehin die Arbeit ruhen. Der Anschlussflieger habe mindestens eine Stunde Verspätung. Der Mann soll recht behalten: Weiterreise in Sao Paulo Richtung Salvador: zwei Stunden 15 Minuten Verspätung.

Im Bus 1
Express-Shuttle vom Flughafen zum Stadion. »Express« – mehr geht eigentlich nicht. Doch am Prinzip des Fahrkartenverkaufs könnte gefeilt werden: Die Fahrgäste steigen zunächst alle ein, ehe ein Kontrolleur durch den Buss geht und die Tickets ausstellt. Problem 1: Der Verkäufer bleibt an der Flughafen-Station zurück, weil er auch in den nachfolgenden Bussen abkassiert, er muss also bei stehendem Bus alle Fahrgäste abfertigen. Problem 2: Er beginnt mit seinem Job frühzeitig, was dazu führt, dass ständig weitere Leute zusteigen, er den Überblick verliert und am Ende nochmals alle Fahrgäste auf ihre Tickets überprüfen muss. Problem 3: Er hat kein Wechselgeld dabei, muss also  darauf hoffen, dass Gäste passend oder mit Kreditkarte zahlen. Fahrtstrecke: 27 Kilometer. Zeit bis zum Stadion (inkl. Stau): drei Stunden.

Im Bus 2
Rückfahrt zum Flughafen im offiziellen FIFA-Bus. Jubelnde Fans im Trikot der Selecao an Bord. Busfahrer will losfahren, doch die Fans reden hektisch auf den Mann ein. Offenbar warten die noch auf ein paar Freunde, die mitfahren sollen. Wieder will der Fahrer anfahren, diesmal kommt ein kräftiger Junge mit nacktem Oberkörper und Kurzhaarschnitt nach vorne, und spricht sehr energisch auf den Fahrer ein. Seltsame Situation. Irgendwann kreuzen die Bekannten auf, die Fahrt kann losgehen. Doch nach 100 Metern wird der Fahrer wieder zum Anhalten genötigt. Wir stehen an der Einmündung zu einer Schnellstraße. Drei Fans steigen aus, laufen die Straße hinunter zu einem fliegenden Händler. Kommen mit zwei Sixpacks zurück, über die sich die Gruppe wie hungrige Wölfe hermachen. Auf der Strecke zum Flughafen werden noch zwei weitere Bierstopps eingelegt. Der Junge mit dem nackten Oberkörper drückt dem Fahrer am Ende eine Fünf-Real-Note und ein Bier in die Hand. Zeit bis zum Flughafen (ohne Stau): eineinhalb Stunden.