Bosnien-Herzegowina fährt erstmals zur WM

Mehr als nur Fußball

Von Beginn an haben sich auch Politiker in den bosnischen Fußball eingemischt. Analog zum dreiköpfigen Staatspräsidium mit Vertretern der Bosniaken, Kroaten und Serben, die sich alle acht Monate mit dem Vorsitz abwechseln, war auch das Präsidium des bosnischen Fußballverbandes organisiert. Für die Uefa und die Fifa war das ein Dorn im Auge, im März 2011 wurde das Team deshalb vorübergehend suspendiert. Nach langen Verhandlungen zwischen den einzelnen Interessenvertretern einigte man sich auf einen Präsidenten und ein 15 Mitglieder starkes Exekutivkomitee mit je fünf Vertretern aus den einzelnen Volksgruppen. In Bosnien durfte daraufhin auch international wieder Fußball gespielt werden.

Schon einmal bekamen sich die Anhänger der unterschiedlichen Nationalitäten in die Haare. Einige Spieler waren 2007 der Meinung, dass bei der Nominierung weniger Wert auf die spielerischen Fähigkeiten als auf die Nationalität gelegt werde und der Vorstand sich zu sehr in die Angelegenheiten des Trainers einmische. 13 Spieler boykottierten zwischenzeitlich die bosnische Nationalmannschaft, acht von ihnen konnten zum Weitermachen überredet werden.

»Wir spielen für alle Kinder in Gesamt-Bosnien«

Dass die Mannschaft inzwischen zu einer Einheit zusammengewachsen ist, beweist ein kleines Beispiel aus dem Juni 2013: Vor dem WM-Qualifikationsspiel in Lettland schlüpften die Spieler in Shirts mit dem Aufdruck »JMBG«, dem amtlichen Kürzel für die Personalidentifikationsnummer, um ihre Solidarität mit einem vier Monate alten Baby zu bekunden. Es ging um Belmina Ibrišević, die dringend eine Knochenmarktransplantation in Deutschland benötigte, jedoch nicht ausreisen durfte, da sich das bosnische Parlament nicht auf eine landesweite Personalidentifikationsnummer einigen konnte. Rechtlich gesehen existierten deshalb einige Kinder überhaupt nicht. Tausende wütende Demonstranten zogen – teils mit Kinderwagen und Schnuller - vor das Parlament in Sarajevo und blockierten die Zugänge. Die Nationalspieler solidarisierten sich, wollten damit auch den Politikern klarmachen, dass sich das Volk nicht einfach in Ethnen und Entitäten spalten lässt. Edin Džeko versprach damals: »Wir spielen für alle Kinder in Gesamt-Bosnien. Heute Abend sind wir alle kleine Belminas.« Bosnien gewann an diesem Tag 5:0 in Lettland.

Ein Jahr nach dieser bemerkenswerten Aktion wird die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien starten. Mit Bosnien-Herzegowina, dem stolzen Debütanten. Kaum jemand in diesem Land wird dann trennen zwischen Bosniaken, Kroaten und Serben. Sie werden ihre Mannschaft nach vorne treiben, anfeuern – und sie werden vielleicht wieder gemeinsam feiern, in den Straßen von Sarajevo, Zenica oder Tuzla. Spätestens dann wird deutlich, wie sehr der Fußball die Menschen und ein Stück weit auch die Politik verändern kann.