Bochums Beinahesieg gegen Bayern

Aufstieg und Fall in 90 Minuten

Als der VfL Bochum am 18.9.1976 auf die Bayern trifft, glaubt niemand an einen Sieg. Drei Stammspieler fallen aus, Abwehrchef Franke muss nach elf Minuten runter. Doch dann spielt der VfL den Weltpokalsieger an die Wand. Zumindest bis zur 53. Minute. Bochums Beinahesieg gegen Bayern
Die Worte sind mit einem Mal dahin. Nichts, kein ausgewiesener Fußballexperte, kein Trainer-Fuchs, kein Spieler dieser Welt, nicht mal ein ausgetüfteltes Taktikbuch können nachvollziehen, was gerade passiert ist. Die Suche nach Erklärungen verpufft noch im ersten Gedankengang. Bayerns sonst besonnener Trainer Detmar Cramer stammelt etwas vom »Tag der offenen Tür« und einer »glücklichen Bayern-Mannschaft«. Sein Gegenüber Heinz Höher ist vollkommen perplex. Natürlich sei man über die Niederlage nicht glücklich, doch die Zuschauer hätten ein »phantastisches Fußballspiel« gesehen. »So etwas«, diktiert er euphorisiert in die Blöcke, »erlebe ich nicht noch einmal!« Durchatmen. Und dann ab in die Kabine.

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Vor dem Spiel noch sind Höhers Prognosen von Nüchternheit geprägt: »Wir wollen glimpflich davonkommen«, sagt er und klatscht seine Spieler ab. Understatement trifft Motivation. An einen Sieg glaubt er dennoch nicht, zumal wichtige Stützen der Mannschaft fehlen, Hans-Jürgen Köper plagt seit dem Vorabend eine Darminfektion, Hans-Werner Eggeling und Hartmut Fromm fallen nach ihren Knieoperationen länger aus. Auch die 17.000 Zuschauer, die sich haben auf der Baustelle des Ruhrstadions bequemt haben, sind skeptisch, sie wollen eigentlich nur eines: die Weltmeister – Sepp Maier, Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Gerd Müller – einmal aus der Nähe sehen. Und als in der elften Minute auch noch Abwehrorganisator Klaus Franke verletzt vom Feld muss, leiden sie mit Torwart Werner Scholz, denn es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis der FC Bayern die Bochumer in Grund und Boden spielt.  

Elf Bayern stolpern in die Kabine  

Doch die VfL-Mannschaft brennt, später werden einige behaupten: wie nie zuvor und nie mehr danach. Die tapfere Rumpfelf spielt das Star-Ensemble in der ersten Halbzeit regelrecht an die Wand. Nach einem Eigentor von Conny Torstensson und weiteren Toren von Jupp Kaczor und Harry Elbracht steht es plötzlich 3:0. Haben die Bayern ernst gemacht? Alles Taktik? Scheinbar nicht, denn Meier und Müller stolpern vollkommen konsterniert in die Kabine.   »Gemach«, versucht Heinz Höher dort die Spieler zu beruhigen, »das Spiel dauert noch 45 Minuten.« Doch niemand hört ihm zu. Wer will es ihnen verübeln? »Wir wollten die Bayern nun richtig nass machen«, erinnert sich Jupp Tenhagen später. Und als in der 53. Minute tatsächlich das 4:0 fällt, hält es keinen Spieler mehr auf seiner Position. Es riecht nunmehr nach einem historischen Triumph und da will sich jeder in der Torschützenliste verewigen. Fast die kopmplette VfL-Mannschaft stürmt nun nach vorne, einzig Torwart Werner Scholz und Erich Miss, ein solider Manndecker, aber nicht der schnellste, bleiben in der eigenen Hälfte, und sehen fortan die pfeilschnellen Angreifer Karl-Hein Rummenigge und Uli Hoeneß im Minutentakt auf sich zu rennen.  

Das war’s also, glauben die VfL-Fans  

Die Quittung folgt prompt. Innerhalb von 20 Minuten schießt der FC Bayern fünf Tore. Tobte die VfL-Fankurve eben noch, hallt der Lärm nun nicht mal mehr nach. Die Stimmung im Ruhrstadion gleich einer Andacht. Das war’s also, glauben die VfL-Fans, nach einem 4:0 nun 4:5, einmal kurz den FC Bayern geärgert, immerhin. Stille. Einer beginnt zu klatschen. U

nwirkliche Stille. Macht niemand mit? Nein. Die Zuschauer sind gelähmt.   Doch da, fast aus dem Nichts, erzielt Kaczor den Ausgleich, 5:5. Was ist hier los? Aus der Andacht entwickelt sich im nächsten Augenblick wieder eine Party. Die Fans drehen nun völlig durch. Wie es steht, scheint zu dem Zeitpunkt fast egal. Wichtig ist: Nun ist wieder alles möglich. Zwischen Entlastungsangriffen, Kontern, einer Abwehrschlacht und 50-Meter-Pässen hat man die taktischen Kniffe der Trainer längst über den Haufen geworfen. Hat es sie in diesem Spiel überhaupt je gegeben? Egal. Es geht weiter. Mauern, dann wieder angreifen, die Kraft scheint mit einem Mal wieder für drei Spiele zu reichen. Und so kommt der VfL in der 90. Minute tatsächlich noch zu einer Torchance. VfL-Chronist Alfred Heymann beschreibt die letzten Sekunden so: »Flanke in den Strafraum, Kaczor übersieht den besser stehenden Trimhold, versucht einen Fallrückzieher, die Bayern kommen in Ballbesitz, Hoeneß zieht auf und davon, 5:6, Schlusspfiff.«  

Schon zu diesem Zeitpunkt wissen die 22 Akteure, dass sie später ihren Enkeln von diesem Spiel erzählen werden, dass sie dieses Spiel ein »Jahrhundertspiel« nennen dürfen, und ihnen niemand widersprechen wird. Es war eine Aufholjagd, die es so noch nie gegeben hatte. Die Gedanken rasen, das Spiel zieht am inneren Auge vorbei, Momentaufnahmen, Schnappschüsse, die ersten drei Tore, immer wieder, immer wieder, doch nun weiß niemand so recht, wie er sich verhalten soll. Einige VfL-Spieler fangen an zu lächeln. Dürfen sie das? Sollten sie nicht weinen? Ist es ein Paradoxon, dass dieses Spiel trotz der Niederlage ein gutes Gefühl hinterlässt?

Nein, sagen die Spieler heute. So bitter die Niederlage auch war, im Rückblick ist sie der Beweis dafür, dass Fußball manchmal eben mehr ist als Punkte, Siege und Titel.