Bochum-Fans wollen ihren Klub zurück

Kapitän vs. Hochstätters

Erklärte Gegner der selbst ernannten VfL-Retter und für sie die Hauptverantwortlichen des Schlamassels sind Sportvorstand Christian Hochstätter und der Vorsitzende des Aufsichtsrat Hans-Peter Villis. So elegant sich der frühere Mittelfeldlenker Hochstätter früher auf den Fußballplätzen bewegte, so wenig tat er es im zurückliegenden Halbjahr. Er installierte seinen Sohn im April 2017 als Praktikanten, der als zwischenzeitlicher Teammanager nicht verhinderte, dass die Mannschaft zum Auswärtsspiel nach Nürnberg mit dem Regionalexpress fahren musste. Dort bekam der damalige VfL-Kapitän Felix Bastians, der unter Laktoseintoleranz leidet, Nudeln mit Butter serviert. Er fühlte sich anschließend unpässlich, hatte aber immerhin noch Kraft genug, das gesamte Trainer- und Betreuerteam zusammenzuscheißen. (»Brot kann schimmeln, ihr könnt nichts!«) Bastians, als gebürtiger Bochumer und Kapitän einer der wichtigsten VfL-er auf und neben dem Platz, wurde daraufhin von Christian Hochstätter suspendiert. Es drohte sogar eine Auseinandersetzung vor dem Arbeitsgericht, aber beide Seiten lenkten ein. Nun will Bastians jedoch nach China wechseln, weil das Verhältnis zu Hochstätter zerrüttet sei. Der wiederum will seinen Innenverteidiger nicht gehen lassen, er sei sportlich zu wichtig. Freunde werden Bastians und die Hochstätters in diesem Leben wohl nicht mehr.


»Herzlich Willkommen beim VfL, Isi!«

Nicht glücklich war auch der Rausschmiss von Trainer Ismail Atalan nach nur 91 Tagen im Amt. Der Coach war kurz vor Saisonbeginn von den Sportfreunden Lotte gekommen, nachdem der Holländer Gertjan Verbeek entlassen worden war. Sportlich mochte Atalans Demission nachvollziehbar sein, stilvoll war sie nicht. Noch zwei Tage zuvor hatte Hochstätter auf der Mitgliederversammlung den Coach mit den Worten »Herzlich Willkommen beim VfL, Isi!« begrüßt. »Die Außendarstellung unseres Klubs«, findet Gerrit Starcewski, »ist katastrophal.« Ihn und andere ärgert vor allem das passive Verhalten des Aufsichtsratsvorsitzenden Villis, der in seiner Funktion die Arbeit des Vorstands  kontrollieren soll. Der ehemalige Atom-Manager habe sich aber stattdessen erstaunlich solidarisch mit sämtlichen Entscheidungen Hochstätters gezeigt. Stellvertretend für die aufkeimende Protestbewegung sagt Starczewski: »Villis muss weg.«

Das jedoch kann nur gelingen, wenn die Mitglieder ihrem Aufsichtsrat das Vertrauen entziehen und dafür bräuchte es die in der Petition geforderte außerordentliche Mitgliederversammlung. Sie kann nur dann stattfinden, wenn 20 Prozent der rund 10 000 stimmberechtigten Mitglieder einen solchen Antrag stellen würden. »Wenn der Verein aber wirklich transparent und offen sein will, dann würde er auf die Proteste reagieren und von sich aus eine Mitgliederversammlung einberufen«, sagt Starczewski. Falls das nicht geschehe, sei es »überhaupt kein Problem“ mit Unterschriftenaktionen jene 20 Prozent zusammenzutragen.

»Völlig ahnungslos«

Indirekte Unterstützung für die Fan-Revolte kam zum Start ins neue Jahr wenig überraschend vom früheren Bochumer Trainer Peter Neururer, seit Jahren ein erklärter Feind von Hochstätter und Vilis, nachdem sie ihn 2014 als Trainer entließen und man sich vor dem Arbeitsgreicht wiederfand. »Herr Villis ist vollkommen ahnungslos«, zitiert derwesten.de Neururer, »er hat von Fußball so viel Ahnung wie ich vom Klavierspielen – nämlich gar keine. Ich befürchte, dass er den Klub wie nie zuvor vor die Wand fahren lässt.«

Zweifellos ist der VfL Bochum im noch jungen Jahr 2018 so weit entfernt von seinem Leitbild wie lange nicht, er ist aber dank der wachsenden Opposition auch der derzeit vielleicht spannendste Verein in der deutschen Profilandschaft. »Reclaim the Game«, lautete einer der bekanntesten Slogans der frühen Fan-Bewegungen in den neunziger Jahren. Holt euch das Spiel zurück. In Bochum wollen sie ihren Klub zurück und vor allem wieder das »Wir-Gefühl« (Starcewski) spüren, für das der VfL doch eigentlich immer stand.