Bobby Zamora und der FC Fulham

Einer für Dean Martin

Ein Jagdhaus als Stadion, Hardcore-Fans und eine Menge Publikumslieblinge: Das ist der FC Fulham. Erstmals seit 2002 wirbeln die sympathischen Londoner wieder auf internationalem Parkett. Mit dabei: Bobby Zamora. Bobby Zamora und der FC FulhamImago

Reiz – Reaktion: 22 Sekunden brauchte Robert Lester »Bobby« Zamora in Wolfsburg beim Viertelfinalrückspiel der Europa League, um den Ball ins Tor von Diego Benaglio zu befördern – und damit sein Team vom Craven Cottage ins Halbfinale. Für einen Verein, dessen bisherige Erfolgsgeschichte weniger bahnbrechend ist als die Elfmeterquote des englischen Nationalteams, ist das Erreichen des Halbfinales bereits eine Sensation.

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Von den Anhängern wird das aufgeregt begleitet: Arbeit wartet, Geld ist knapp – egal. Hin nach Hamburg, und wenn wir dank Eyjafjallajökull zu Fuß laufen müssen. Zum Rückspiel geht's sowieso - und wenn wir ausscheiden? Dann haben wir immer noch die Erinnerungen an den Abend, als wir die alte Dame beerdigt haben. Fulham - Juve, 4:1. Stoff für die Mythenschmiede, unvergesslich und auch nicht durch die Nüchternheit einer geordneten Mannschaftsleistung zu entzaubern. Denn die Schlüsseldoktrin von Trainer Roy Hodgson vom Mannschaftserfolg, der über die Individualleistung hinausgeht, lebt von Leidenschaft: »The sublimation of personal desire for collective good.«

Nächster Halt: Spaßwüste Volkspark

Heute Abend treffen die »Cottagers« auf den Hamburger SV. Den Hanseaten flattern gehörig die Nerven: Zu Hause gab es zuletzt eine unglückliche 0:1-Niederlage gegen kompakt stehende Mainzer in der Bundesliga, davor ein unansehnliches Unentschieden gegen schwache Hannoveraner. Alle Titelträume futsch – bis auf einen. Das macht den Druck nicht geringer. Für den HSV hängt viel vom Einzug ins Finale ab. Ein Vorteil für Fulham, die befreiter aufspielen können? Die Favoritenrolle des HSV nimmt man jedenfalls gelassen zur Kenntnis. 180 Minuten bis zum Finale – das Ziel ist für Fulham und seine Anhänger klar formuliert. Und wenn es erstmal nur ein Auswärtstor ist, das man aus dem Hinspiel mitnimmt. Das wäre schon was.

Bobby Zamora könnte sich, was das anbelangt, als ganz böses Überraschungsei für die Hamburger Abwehrkette entpuppen: Nicht zwingend durch körperbetontes Spiel, als vielmehr durch sein ausgeprägtes Gespür für den tödlichen Moment, sich der gegnerischen Defensive zu entziehen. So schnell kann der Zuschauer zum Teil gar nicht gucken, wie Zamora seine Tore schießt. Und gelegentlich wirkt der 29-Jährige selbst fast überrascht, mit welcher Wucht er die Bälle ungestört ins Netz dreschen kann.

Bobby, the »Seagull«

Es läuft gerade wieder ziemlich gut für Bobby Zamora, dessen entscheidenden Karrierepunkt man in der Spielzeit 1999/2000 zeitlich verorten kann. Nach einem kurzen Gastspiel bei den Bristol Rovers und Bath City wechselte der gebürtige Londoner nach vorangegangener Leihe und effektiven sechs Toren in sechs Spielen endgültig zum südenglischen Brighton & Hove Albion, damals englischer Fünftligist. Innerhalb von drei Jahren konnte sich Zamora langsam zum Torgaranten entwickeln: Mit insgesamt 70 Toren in 119 Spielen war er maßgeblich am zweifachen Aufstieg des Seebads in die dritthöchste Spielklasse beteiligt. Zum damaligen Zeitpunkt wurde der Publikumsliebling auch in das U-21-Nationalteam einberufen. Die Kontinuität und der behutsame Aufbau in einem Team wird nicht allen jungen Talenten zuteil – viele halten dem Druck des Liga-Sprungs nicht stand, werden schlimmstenfalls einfach verheizt. Mit Albion war das anders. Hier konnte Bobby Zamora gemeinsam mit der Mannschaft wachsen. Auf gewisse Weise ähnelt diese initiale Karrierephase seinem wiedererlangten Glück in West Ham und Fulham.

»When the ball hits your head...«

Die Saison 2003/04 kann man als signifikantes Jahr in Zamoras Karriere bezeichnen. Bei den Tottenham Hotspurs, zu denen er nach den erfolgreichen Jahren in Brighton wechselte, kam er nicht zum Zug. Robbie Keane war als unangefochtener Torschützenkönig der Saison gesetzt, für Zamora blieben gerade mal 16 Einsätze, ohne dass er dabei auch nur einen Treffer erzielte. Der sonst selbstbewusste Stürmer büßte in dieser Zeit ein großes Stück Selbstvertrauen und Lässigkeit ein. Die Zeit in Brighton wurde zur unbarmherzig hohen Messlatte, das Langzeitprojekt Nationalelf war weit entfernt. Bobby Zamora gehört eben nicht zu den Spielern, die man einfach verpflanzen kann. Bei ihm zeigt sich, wie stark die Leistung von den Rahmenbedingungen und dem Mannschaftsgeist abhängt. In Tottenham passte es einfach nicht für ihn.

Es folgte ein glückliches Tauschgeschäft zwischen Tottenham und West Ham United: Jermaine Defoe wechselte für ihn an die White Hart Lane, Zamora machte Halt im Upton Park am Londoner East End. West Ham – das war seine Jugendliebe, der Verein, zu dem er als junger Spieler aufgeblickt hatte. Hier konnte er wieder an seine Stärken aus der Zeit in Brighton anknüpfen und genoss wegen seiner kämpferischen Einstellung ein hohes Ansehen bei den Fans. Dass er nicht mehr die alte Torquote erreichte, spielte kaum eine Rolle: Zamoras Tore wurden vielmehr als »axiomatisch« (John Nicholson) herausgestellt – er schaffte es, dem Spiel eine entscheidende Wende zu geben.

»This is my fuckin´ team!«

Spätestens seine Liebeserklärung an den Verein, die er nach seinem Doppelpack gegen Charlton Athletic in der Saison 2006/07 lieferte, machte ihn bei den Hammers zur Legende. »This is my team, this is my fuckin' team«, schrie er und küsste das Vereinsemblem auf seinem Trikot. Die Kurve dankte es ihm mit der Entlehnung eines Dean Martin-Klassikers (»That's Amore«).



England Calling


Mit einer Ablösesumme von gut sechs Millionen Euro kam Bobby 2008 dann nach Fulham, wo das Zepter bereits in der Hand von Roy Hodgson lag. Heute kann man kann sagen: Es hat sich gelohnt. Es mag sein, dass der FFC seit jeher im Schatten der großen Klubs der Millionenmetropole stand – Chelsea, Arsenal, Tottenham. Aber im Schatten der großen Spotlights und jenseits des großen Portmonnaies von Abramowitsch und Co. hat sich unter Roy Hodgson eine solide, spielstarke Mannschaft herausgebildet, bei der durchaus Luft nach oben ist. Zusammen mit den markigen Mittelfeldstrategen Danny Murphy und Damien Duff, gehört die Sturmspitze Bobby Zamora zu den Publikumslieblingen bei der treuen Fangemeinschaft Fulhams, die im Unterschied zu den anderen Metropolenklubs auf den Stadtteil selbst und einige Verrückte im Exil beschränkt sein dürfte. Gerade das macht den FFC aber so eigen.

Den Sprung ins englische Nationalteam hat Zamora bis jetzt noch nicht geschafft, was für viele schier unbegreiflich ist. Allerdings: Coach Fabio Capello hat ihn fest im Blick. Hört man sich um, räumen Experten Zamora eine bessere Form als die Konkurrenz und damit gute Chancen auf die Nominierung ein. Andere schätzen seine Nominierung als zu großes Risiko ein. Mit Peter Crouch (Tottenham), Carlton Cole (West Ham), Emile Heskey (Aston Villa), Darren Bent (Sunderland) und Jermaine Defoe (Tottenham) steht Zamora jedenfalls leistungsmäßig mindestens auf einem Stand. Ihm fehlt einzig die Länderspiel-Erfahrung. Und die Zeit.

Heute Abend gegen den HSV wird er die verbleibende Zeit womöglich nutzen können. Seit dem Viertelfinale gegen den VfL Wolfsburg weiß man auch in Hamburg: 22 Sekunden können Bobby Zamora reichen.

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