Bin ich zu alt für die Liga?

Komm, süßer Tod

Abstiegskampf, Todeskampf: Man zappelt sich ab, um ein bisschen weiter zu existieren. Wofür denn bloß? Schluss, aus, sagt Dirk Gieselmann. Dann sterb ich halt. 

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In Jim Jarmuschs grandiosem Episodenfilm »Coffee and Cigarettes« aus dem Jahre 2003 gibt es eine Szene, die mich immer wieder berührt, heute mehr denn je: Die beiden Greise William Rice und Taylor Mead sitzen beisammen in einem ziemlich abgehalfterten Aufenthaltsraum eines Altersheims, trinken Kaffee, von dem sie behaupten, er sei Champagner, mit dem sie auf das Leben anstoßen, dessen größter Teil ganz offenbar bereits hinter ihnen liegt. Dazu läuft im Hintergrund ganz leise das Lied »Ich bin der Welt abhanden gekommen« von Gustav Mahler.



Nun berührt mich diese Szene heute mehr denn je vor allem im Hinblick auf morgen: Dann werde ich mit einem guten Freund die Bundesligakonferenz im Radio hören, er ist Frankfurt-Fan, ich bin Werder-Fan, und beide sind wir der Liga abhanden gekommen. Es ist im Grunde ganz unerheblich, wer von uns beiden nach diesem direkten Duell am 34. Spieltag in die Relegation gehen muss oder sogar absteigt – denn unsere Zeit ist eh gekommen, die Kerze abgebrannt, und wir sind so müde:

Ganz oben, wo auch wir mal standen, damals, als die Bäume noch grün waren und darin der süße Vogel Jugend sang, da sind die Bayern längst enteilt wie die Chippendales in einer Mondrakete, und von unten drängt die Betriebsmannschaft eines Herstellers von Brause, die man sich beim besten Willen nicht als Champagner vorstellen kann. Wir bleiben lieber beim Kaffee und prosten uns zu mit den gebrauchten Tassen: Auf das Leben, auf den Tod.

Geht es nur noch um Selfies?

Wir beide sind schon mal gestorben respektive abgestiegen, aber diesmal könnte es für immer sein. Nicht sportlich, sondern innerlich. Ich bin erst 37, aber ich fühle mich in dieser Liga wie ein Opa, der seit seiner Kindheit in seinem Häuschen wohnt, und im Laufe der Jahre sind rund herum Wolkenkratzer, Einkaufszentren, Discos, aus denen Bumstechno dröhnt, eine Stadtautobahn und ein Flughafen entstanden, und jetzt wollen sie sein Grundstück auch noch haben. Den windschiefen Zaun haben die Bagger schon plattgemacht, »aus Versehen«.