Biermanns Matchplan (11)

Zu wenige kommen durch

Der deutsche Fußball feiert sich gerne für seine Nachwuchsarbeit. Neue Zahlen aber zeigen, dass sie besser sein könnte. Und dass man ausgerechnet von Real Madrid lernen könnte.

imago

Als Bundestrainer Jogi Löw vor einigen Wochen das spielerische Niveau in der Bundesliga tadelte, beklagte er leicht verklausuliert auch die Nachwuchsarbeit hierzulande. Löw sagte: „Die, die immer behaupten, es gibt in Deutschland die allerbesten Talente überhaupt und es gibt nur in Deutschland Talente, sind fehl am Platz, weil es nicht stimmt.“ Übersetzen könnte man das in etwa so: Wir sollten mal aufhören, uns für unsere tolle Nachwuchsarbeit ständig auf die Schulter zu klopfen, denn die anderen machen es teilweise besser als wir. Löw sprach auch davon, dass ihm sein Scout Urs Siegenthaler aus Frankreich und Spanien nur Gutes zu berichten wisse.

 

  

Neue Zahlen, wer Spitzenprofi wird

 

Diese Eindrücke bestätigen nun aktuelle Daten der Forschungsgruppe des International Centre for Sport Studies (CIES) an der Universität Neuchâtel, das sich seit Jahren auf quantitative Analysen spezialisiert hat. Die schweizerischen Wissenschaftler erheben dabei auch regelmäßig, wie viele Spieler von den Klubs ausgebildet worden sind. Der dazu benutzte englische Begriff „club trained player“ meint, dass ein Spieler zwischen seinem 15. und 21. Lebensjahr bei einem Verein war. Die Nationalität spielt keine Rolle, Stuttgarts Torwart Ron-Robert Zieler etwa wird als „club trained player“ bei Manchester United geführt, weil er dort zwischen seinem 18. und 21. Lebensjahr unter Vertrag stand. Der Österreicher David Alaba hingegen ist ein in Deutschland ausgebildeter Spieler, denn er kam mit 16 Jahren zum FC Bayern. 

 

Hier wurden vom CIES die Spieler aus den 100 besten Ausbildungsklubs erfasst, die derzeit in den fünf großen Ligen unter Vertrag stehen, also in in der Bundesliga, der Premier League, der italienischen Serie A, La Liga in Spanien und Frankreichs Ligue 1. Insofern beinhalten die Zahlen hier auch ein Qualitätsmerkmal, weil das auch die fünf Ligen mit dem höchsten sportlichen Niveau sind. 

 

Frankreich das Maß der Dinge

 

Dabei bestätigt sich der Eindruck, dass Frankreich gerade das Maß der Dinge in der europäischen Talententwicklung ist. Neben Neymars gigantischen Transfer waren zwei junge Franzosen die teuersten Spieler des Sommers: Kylian Mbappé mit seinem Wechsel von Monaco zu Paris St. Germain sowie von Ousmane Dembélé, den der FC Barcelona in Dortmund kaufte. Doch nicht nur die dabei gezahlten beträge sind spektakulär, auch die Zahl der in Frankreich ausgebildeten Spieler und die breite Streuung der Talente ist beeindruckend. Fast jeder vierte Klub in den Top 100 der besten Ausbildungsvereine in Europa kommt aus Frankreich, darunter nicht nur alle 20 französischen Erst-, sondern auch vier Zweitligisten. Spanien folgt dahinter schon mit deutlichem Abstand und weniger Klubs.

 

Zu wenige deutsche Spieler schaffen es

 

Erstaunlich sind die Zahlen für Deutschland, und sie bestätigen das Gemurre des Bundestrainers. Der letzte Sommer hat gezeigt, dass es hierzulande einen großen Pool an Spitzentalenten gibt. Der aus deutscher Sicht erfreuliche Confed-Cup in Russland und die gewonnene U21-Europameisterschaften in Polen haben die Auswahl der Nationalspieler für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland noch einmal deutlich erhöht.  Dennoch scheint es den Nachwuchsleistungszentren nicht in dem Maße wie in Frankreich oder Spanien zu gelingen, Spieler auf die Anforderungen der Spitzenligen vorzubereiten.