Bielefeld: Zeuge musste Fotos löschen

»Ham wir uns da verstanden?«

Am vergangenen Samstag wurde ein Bielefelder Ordner von Bochumer Fans angegriffen und schwer verletzt. Fotograf Gerrit Starczewski war Zeuge – musste belastendes Fotomaterial jedoch löschen. Wir sprachen mit ihm. Bielefeld: Zeuge musste Fotos löschenimago images
Herr Starczewski, beim brutalen Angriff auf einen Ordner im Gästeblock des Bielefelder Stadions waren Sie in unmittelbarer Nähe.

Ja. Beim Einlaufen der Mannschaften stand ich, als offiziell akkreditierter Fotograf und damit Bildberichterstatter, in unmittelbarer Nähe des Gästeblockes, um Eindrücke der Gästefans des VfL Bochums zu fotografieren und zu dokumentieren.

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Es wurde kein Tag wie jeder andere.

Bei Weitem nicht. Unmittelbar nach Spielbeginn öffnete sich, nach Abrennen einer mittelgroßen Rauchwolke, das Tor, und zwei Ordner trugen einen sichtlich schwer verletzen Ordner aus dem Block. Dieses Vorgehen habe ich fotografisch dokumentiert, da sich dies unmittelbar vor mir ereignete. So wurde ich direkter Zeuge und war im direkten Angesicht des nicht ansprechbaren Ordners, der starke Blessuren in der Gesichtsgegend aufwies und meinem ersten Eindruck nach bewusstlos wirkte. Es eilten Sanitäter hinzu, weitere Ordner und Polizeibeamte in Zivil und Uniform seitens der Hundertschaft.

Wie weit waren Sie vom Geschehen entfernt?

Bei meinen Bildern habe ich immer eine Distanz zum verletzen Ordner gewahrt, da ich mich zu diesem Zeitpunkt stehend auf der anliegenden Sitzplatztribüne befand.

Was war auf Ihren Bildern zu sehen?

Viele Bilder sind in Serienaufnahmen, also in schnell aufeinander folgenden Bildern entstanden, so dass auch das Gesicht des schwer gezeichneten Ordners auf einigen Bildern zu sehen gewesen ist. Ich hatte jedoch keineswegs die Absicht, diese Bilder zu veröffentlichen.

Dennoch forderten die Bielefelder Ordner Sie auf, Ihre Arbeit einzustellen.

So ist es. Nach wenigen Momenten machte mich ein Ordner im gelben Leibchen - und somit von Arminia Bielefeld -, dessen Leibchen die Bezeichnung »Bereichsleiter« aufwies, von unten lautstark aufmerksam und forderte mich auf, das Fotografieren zu unterlassen. »Keine Bilder von Verletzten. Das wollen wir nicht, dass will der Verein nicht.« Als ich ihm entgegenbrachte, dass ich als Fotograf und somit Bildberichterstatter diesem Spiel beiwohne, und ich ihn an mein damit verbundenes Recht der Pressefreiheit erinnerte und weitere Bilder machen wollte - keine Nahaufnahmen des Verletzten, sondern von dem Geschehnis allgemein - platzte dem Ordner der Kragen.

Wie können wir uns das vorstellen?

Er kam zu mir und forderte mich im Namen von Arminia Bielefeld auf, mich hinzusetzen und keine weiteren Aufnahmen mehr zu machen. Ich suchte das Gespräch mit ihm und fragte ihn zunächst nach seinem Namen, welchen er mir nicht nennen wollte. »Ich bin nicht dazu verpflichtet, hier meinen Namen zu nennen. Noch ein Foto, und wir machen vom Hausrecht Gebrauch, und Sie fliegen hier ruckzuck raus.« Ich versuchte ihm in einem stets höflichen Ton deutlich zu machen, dass auch diese traurigen Szenen zum Spiel und der damit verbundenen Berichterstattung gehörten und ich daher weiter fotografieren würde. Und versicherte ihm, keine Gesichtsbilder zu machen, weil ich ja kein Sensationsjournalist bin.

Das half nicht. Im Gegenteil: Man forderte Sie auf, Ihre Aufnahmen zu löschen.

Unmittelbar danach kam ein weiterer Ordner hinzu, mit Kopfhörer im Ohr, und sagte: »Wir haben die Anweisung von Arminia Bielefeld, dass Sie alle Bilder des Verletzten zu löschen haben. Wir wollen nicht, dass solche Bilder veröffentlicht werden und nach außen kommen. Sollten diese Bilder irgendwo auftauchen, hat das ernsthafte Folgen und rechtliche Konsequenzen. Ham wir uns da verstanden?« Ich bat ihn darum, mir seinen Namen zu nennen und mir den angeblichen Vertreter von Arminia Bielefeld zu nennen. Auch er nannte seinen Namen nicht. Stattdessen drohte er mir mit der Polizei und einer Anzeige, wenn ich nicht das tue, was er sage. »Gern«, sagte ich. »Ziehen wir die Polizei hinzu, diese wird Ihnen mit Sicherheit bestätigen, dass wir in einem Rechtstaat leben!«

Wie verhielt sich die Polizei?

Der Polizeibeamte war in Zivil und sagte zu mir: »Den Anweisungen ist Folge zu leisten« - sonst mache er vom Hausrecht Gebrauch, und ich würde wegen Hausfriedensbruch angezeigt. Auch er nannte mir seinen Namen nicht.

Wie ging das Löschen der Aufnahmen vonstatten?


Ich wurde gebeten, mich zu setzen. Einer der Bereichsleiter schaute sich mit mir die Bilder an und nötigte mich, über ein Dutzend Bilder zu löschen. Nochmals verwies ich darauf, die Gesichtsbilder nicht zu veröffentlichen, und ich es nicht einsehe, dass mir die Ordner und Polizisten Befehle geben und mit ernsthaften Konsequenzen drohen. Zudem ist mir nicht die Möglichkeit gegeben worden mit anderen Fotografen Rücksprache zu halten, da diese fast allesamt auf der anderen Seite fotografierten.

Schließlich kam die Polizei noch einmal auf Sie zurück.

Ja. Kurz vor Spielende kam der genannte Zivilpolizist auf mich zu, der mir zuvor seinen Namen verweigert hatte, und wollte nun meine Personalien aufnehmen, da ich ggf. als Zeuge hinzugezogen würde. Ein Zeuge, der zuvor Bilder des Ereignisses löschen musste.