Besuch im Turf Moor

Der Zahn der Zeit

Es ist zwar nur das zweitälteste, dafür aber das wohl archaischste Stadion der Welt: Turf Moor. Auf der Kampfbahn des englischen Zweitligisten FC Burnley zieht es wie Hechtsuppe, und die Mythen sind allgegenwärtig. Wir waren dort. Imago Angela Merkel ist nicht der erste Staatsdiener, der sich in die Niederungen muffiger Fußballstadien begeben hat. Prinz Albert, Sohn von Queen Victoria, hockte im Oktober 1886 auf den Stufen des „Turf Moor“, der Heimat des FC Burnley. Der Monarchen-Filius war damit der erste Royal, der einen „Ground“ besichtigte. Knapp drei Jahre zuvor hatte sich der Burnley Football Club gegründet, kurze Zeit später trug die Mannschaft ihre ersten Spiele im „Moor“ aus. Anfangs nicht mehr als ein matschiges Gelände neben dem ansässigen Cricket Club, wurde dort im Herbst 1884 die erste Tribüne zusammen gezimmert. 800 Menschen fanden hier Platz, auf der natürlichen Erhöhung am Spielfeldrand drängelten sich bei gut besuchten Partien mehr als 2000 Zuschauer. Als der Sohn der Königin im „Turf Moor“ auftauchte, hatten die findigen Vereinsmacher bereits Platz für 12.000 Menschen geschaffen. 9000 kam zum Spiel gegen die Bolton Wanderers, auch im Prinz Albert zu sehen. Sie erlebten ein fantastisches Spiel, mit 4:3 konnte Burnley die Wanderers auf den Heimweg schicken. Als sich die Fans in den Armen lagen, war Albert schon nicht mehr da. Die Vereinschronisten notierten entsetzt: „Prince Albert, perhaps fearing the worst, left the game at half time!“

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Nach der Jahrhundertwende entfaltete das „Turf Moor“ weiter seine Blüten. Jahr für Jahr modernisierte die Stadt das Schmuckstück, Fußball hatte Cricket bereits den Rang abgelaufen. Vor dem ersten Weltkrieg kamen mehr als 50.000 Zuschauer in das Stadion. Regelmäßig. Das Turf Moor beherbergte nun mehr Menschen als Burnley Einwohner hatte. Den Höhepunkt erlebte das einstige Sumpfgebiet 1924: Zur Begegnung gegen Huddersfield Town kamen 54.755 Zuschauer. Bis heute ein einmaliger Rekord.
 

Drei Jahre später war das „Moor“ erstmals Austragungsort für ein Länderspiel der Nationalmannschaft. Es sollte ein großer Tag für den FC Burnley werden, gegen den Erzrivalen aus Wales standen mit Louis Page und Jack Hill zwei Spieler aus den eigenen Reihen auf dem Platz. Doch das Spiel endete in einem Desaster: England verlor mit 1:2. Ausgerechnet Burnley-Spieler Jack Hill hatte die Waliser mit einem Eigentor auf die Siegerstraße gebracht.

Maurerkelle statt Laderball


Der Schatten des Zweiten Weltkrieges fiel auch auf das Turf Moor, für viele Jahre war Fußball auch in der sportbegeisterten Stadt Burnley nur zweitrangig. Erst 1954 hatte der Klub wieder Geld für einen Umbau des inzwischen maroden Stadions. Die „Longside“ wurde errichtet, 20.000 Pfund mussten für die Materialkosten hingeblättert werden. Die Löhne für teure Facharbeiter hatte sich der Verein allerdings sparen können: Die Nachwuchsspieler mussten nach Trainingsschluss den Lederball mit der Maurerkelle tauschen. Innerhalb kürzester Zeit zogen die Jungtalente die neue Gerade hoch.

Drei Jahre später waren auch Abendspiele kein Problem mehr im Turf Moor, die 1957 installierten Fluchtlichtmasten wurden im Ligaspiel gegen die Ortsrivalen Blackburn Rovers eingeweiht und spendeten die folgenden 18 Jahre lang Licht.

1974 blickte die Fußball-Welt nach Deutschland, der Gastgeber wurde später nach einem 2:1-Erfolg gegen die Niederlande Weltmeister. Im Mutterland des Fußball interessierte das herzlich wenig, die „Three Lions“, vier Jahre zuvor noch Titelverteidiger und erst im Halbfinale gescheitert, hatten sich überraschenderweise nicht qualifiziert. Burnley nutzte den Leerlauf und schraubt den „Bob Lord Stand“ in die Höhe. Von der hochmodernen Konstruktion hatten die Zuschauer einen fantastischen Blick auf das Spielfeld. Es kostete den Verein satte 450.000 Pfund, ehe Premierminister Edward Heath die Tribüne 1974 feierlich eröffnen durfte. Sie steht bis heute.

Der „Turf“ wird zum Abstiegssumpf

Die folgenden Jahre versank das gesamte Königreich in eine tiefe Depression, und Burnley folgte dem Trend: Der Verein, der seine Heimspiele auf einem ausgetrockneten Moor austrägt, versank in den 70er und 80er-Jahren im Abstiegssumpf. Der stolze Klub wurde zwischenzeitlich sogar in die vierte Division durchgereicht. Düstere Jahre im „Turf Moor“.

Erst 1995 gelang die Wende: Am 16. September besiegten die „Clarets“, wie der FC Burnley liebevoll genannt wird, Hull City in der Divison Two und legten damit den Grundstein für eine erfolgreichere Zukunft. Für die eingefleischten Anhänger des englischen Klubs war dieser 16. September 1995 ein Tag der Emotionen. Das Spiel gegen Hull City konnten sie ein letztes Mal von der legendären „Longside“ verfolgen, die über Jahre hinweg zu einem Treffpunkt der treuesten Anhänger gewachsene Tribüne wurde abgerissen. Erst am 23. April 1996 standen wieder Zuschauer auf dieser Seite des „Moor“: Der „James Hargreaves Stand“ steht bis heute. 24 Stunden später wurde auch das „Bee Hole End“, in den späten 60er Jahren errichtet, von den Schaufelbaggern niedergemacht.

Die im Osten des Stadions liegende Tribüne wurde komplett neu gebaut und nach dem berühmtesten Sohn des Vereins benannt: Jimmy McIlroy, der in den Jahren 1950-1962 in sagenhaften 439 Spielen 116 Tore erzielte und in Burnley ungefähr den Status hat wie George Best in Manchester. Mindestens.

Die internationale Aufmerksamkeit haben die „Clarets“ und ihr Stadion das letzte Mal am 6. Januar diesen Jahres auf sich gezogen: In der dritten Runde des FA-Cups wurde dem Verein, der sich momentan im Mittelfeld der zweithöchsten englischen Liga (Football League Championship), der FC Arsenal zugelost. Gegen die Startruppe von Arsene Wenger bot die aktuelle Burnley-Generation lange Zeit ein mitreißendes Spiel, das „Turf Moor“ kochte und brodelte. Zwei Tore von Eduardo und Nicklas Bendtner sorgten letztlich für ein standesgemäßes Ergebnis. Die aus London angereisten Arsenal-Anhänger genossen das zugige, teilweise schlichte, aber durch und durch charmante „Turf Moor“ in vollen Zügen. Ihre Heimat, das Highbury-Stadion, wurde im vergangenen Sommer abgerissen und durch das hochmoderne Emirates-Stadium ersetzt. Dort, wo einst Highbury Legenden schuf, wohnen heute gut betuchte Pensionäre in schicken Altersresidenzen.

In Burnley werden sie nur den Kopf geschüttelt haben.